Stellt Euch vor, Adobe Flash wäre OER gewesen … Mehr langfristige Planung für offene Bildung!

Ein Meinungsbeitrag von jOERan Muuß-Merholz

The Delorian time machine from Back to the Future at Universal Studios, Hollywood, California. Foto: William Warby
The Delorian, Foto: William Warby, CC BY 2.0

Freie Software und offene Formate als Grundlagen von OER gelten eher als Kür und nicht als Pflicht. Das liegt an unserer fehlenden Phantasie für Katastrophen, behauptet Jöran Muuß-Merholz in diesem Meinungsbeitrag.

Open Source als Kür für OER?

Freie Lizenzen auf digitale Bildungsmaterialien? Alles klar, das ist OER. Dass dazu dann auch noch auf freie Software gesetzt wird, die den Standards der Offenheit entspricht und Materialien in offenen Formaten geteilt werden, gilt meist eher als Bonus und nicht als Pflichtprogramm von OER. Eine entsprechende Ausrichtung wird hier und da sogar als nebensächlich oder bremsend wahrgenommen. Woran liegt das?

Offene Standards spürt man nicht

Man könnte meinen, dass es vor allem (Un-)Bequemlichkeit ist, wenn auch fortgeschrittene OER-Produzent*innen lieber proprietäre Standard-Software als offene Alternativen verwenden. PowerPoint ist halt meist „eh schon da“, zu Google Docs kennen wir keine ernsthafte Alternativen und über offene Videoformate denkt kaum jemand nach.

Allerdings kann es nicht nur am Mehraufwand liegen. Schließlich machen auch die freien Lizenzen zunächst mal mehr Arbeit und waren für uns alle einst neu und unbekannt. Es muss also noch einen anderen Punkt geben. Meine Vermutung: Open Source (und offene Formate) spürt man nicht. Bei freien Lizenzen erfahre ich ggf. schnell die (urheberrechtlichen) Konsequenzen, wenn ich ein nicht frei lizenziertes Bild in meine OER einbaue. Wenn ich dagegen Software und Dateiformate verwende, die zwar nicht offen sind, aber dennoch bei mir und bei 95 von 100 Kolleg*innen funktionieren, wirkt das auf mich durchaus erträglich.

Das gilt allerdings nur, solange ich meinen Blick nicht aus der Gegenwart löse. Denn nur weil heute ich und 95% meiner Kolleginnen mit diesem Format klarkommen, bedeutet das keineswegs, dass das in der Zukunft so bleiben wird.

Als Steve Jobs Hunderttausende von Bildungsinhalten zum Tode verurteilte

Ein netzhistorisch lehrreiches Beispiel für (nicht) offene Standards ist die Geschichte von Adobe Flash. Die Software sorgte Anfang des Jahrtausends dafür, dass das Web bunter, lauter, bewegter und interaktiver wurde. Auch im Bereich e-learning fand Flash für interaktive Animationen und Übungen schnell Freunde und Verbreitung. Die Inhalte lassen sich nicht zählen, aber ich halte es für plausibel, dass weltweit Hunderttausende von Educational Resources auf der Basis von Flash erstellt wurden.

Fast alle diese Inhalte sind zum Tode verurteilt, spätestens seit Adobe die Einstellung der Unterstützung von Flash für 2020 angekündigt hat. Das Ende begann schon 2010, als Apple entschied, dass Flash auf iPhone und iPad ausgesperrt bleiben würden. (Steve Jobs nannte in seiner Positionierung von Apple gegen Flash übrigens die Frage der Offenheit als erstes Argument.)

So kam es zu der stillen Katastrophe, dass heute Hunderttausende von Bildungsinhalten schon offline genommen wurden oder nicht mehr funktionsfähig sind. Der Anteil davon, der in neue Formate überführt wird, dürfte im einstelligen Prozentbereich liegen. Das liegt an den Voraussetzungen für die Konvertierung: Die Materialien müssten in bearbeitbaren Formaten vorliegen – aber wir sehen nur die Flash-Exporte, keine Quelldateien. Die Dateiformate müssten auch von anderen Tools bearbeitet werden können – was mehr schlecht als recht funktioniert. Und wir bräuchten die Erlaubnis zur Bearbeitung und neuen Veröffentlichung, also freie Lizenzen – sonst können nur die ursprünglichen Urheber selbst aktiv werden.

Was wäre, wenn Flash erst heute erfunden würde

Hier kommt ein Gedankenspiel: Nehmen wir an, die Flash-Geschichte würde erst heute beginnen. Bisher hätten wir keine gute Möglichkeit zur Gestaltung interaktiver Inhalte, aber mit Flash ginge es jetzt los! Wir würden in den nächsten Jahren Hunderttausende von interaktiven Bildungsinhalten produzieren. Und da wir inzwischen OER kennen und schätzen gelernt haben, würden wir unsere Ergebnisse mit freien Lizenzen versehen. Aber freie Software, offene Standards und die Veröffentlichung der Quelldateien würden wir für nebensächlich halten. Schließlich würde Flash bei uns allen (oder zumindest bei 95%) funktionieren. Weltweit würden also Hunderttausende interaktive OER zu allen möglichen Themen entstehen – alles unter freier Lizenz.

Aber dann die Katastrophe, 10 Jahre später: Flash wird eingestellt. Hunderttausende von interaktiven OER würden unbrauchbar – obwohl sie doch freier Lizenz stünden! Dennoch ließen sich die Materialien nicht einfach in ein anderes Format übertragen. Die Lizenz auf dem Inhalt würde das zwar ganz einfach machen. Dafür müssten gar nicht alle Urheber*innen zustimmen oder sich selbst ans Werk begeben oder auch nur davon wissen. Denn die freie Lizenz würde ja erlauben, dass jemand eine große Maschine programmierte und an den Start brächte, die die Inhalte in ein neues Format konvertierte. Aber es ginge halt nicht – die Maschine könnte nicht funktionieren, weil wir nicht konsequent auf Offenheit gesetzt haben. Hunderttausende Inhalte gingen verloren – weil uns die Phantasie dafür fehlte, dass die Software-Landschaft sich ändern könnte.

Vertrauen oder Export?

Die Geschichte von Adobe Flash endet heute – aber viele andere Geschichten beginnen gerade erst. Wie offen ist OER, das wir mit Adobe Spark oder Prezi produzieren? Wie genau steht es um die Exportmöglichkeiten von Tutory oder LearningApps? Was wäre, wenn die Entwickler von H5P morgen ihre Arbeit einstellten? (Spoiler: Die Antworten fallen sehr unterschiedlich aus.) Es lohnt sich, diesen Fragen nachzugehen – auch wenn unsere OER doch heute bei 95% von uns problemlos funktionieren.

In loser Folge erscheinen in der Reihe „jOERans Meinungsbeiträge“ Kommentare, die Diskussionen rund um OER anregen sollen. Wir freuen uns sehr, wenn Sie Ihre Einschätzungen, Erfahrungen und Fragen unten als Kommentar veröffentlichen. In dieser Reihe geht es – wie der Name schon sagt – nicht zwingend um eine Positionierung von OERinfo.
In loser Folge erscheinen in der Reihe „jOERans Meinungsbeiträge“ Kommentare, die Diskussionen rund um OER anregen sollen. Wir freuen uns sehr, wenn Sie Ihre Einschätzungen, Erfahrungen und Fragen unten als Kommentar veröffentlichen. In dieser Reihe geht es – wie der Name schon sagt – nicht zwingend um eine Positionierung von OERinfo.

PS: Vielen Dank an Matthias Andrasch für den kritischen Review! Alle technischen Unzulänglichkeiten und Vereinfachungen im Artikel gehen dennoch auf die Kappe von Jöran Muuß-Merholz.

Was denken Sie?

Soweit der Meinungsbeitrag von jOERan Muuß-Merholz. Die Kommentare sind offen. Haben Sie Fragen, Ergänzungen oder Widerspruch? Wir freuen uns über jeden Beitrag, der der Meinungsbildung dient!

Creative Commons LizenzvertragDieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Jöran Muuß-Merholz für OERinfo – Informationsstelle OER.

2 Kommentare zu “Stellt Euch vor, Adobe Flash wäre OER gewesen … Mehr langfristige Planung für offene Bildung!

  • Avatar
    Jöran Muuß-Merholz :

    Vielen Dank an Matthias Andrasch für das intensive Feedback meines Entwurfs. Sämtliche technischen Ungenauigkeiten, Übervereinfachungen oder Fehler gehen aber natürlich auf meine Kappe!

    Antworten
  • Avatar

    Die Katastrophe ist ja eigentlich schon im vollem Gange, bloß merken es zu wenige: (Staatliches) Bezahlen für die Erlaubnis, eine geschlossene Software zu nutzen, statt das Geld in ein offenes Open-Source-Ökosystem zu stecken und darüber Kontrolle zu haben; Aufgabe der Privatsphäre für ein bisschen Bequemlichkeit; zig geheime Binärformate, bei denen man nicht schnell etwas anpassen kann. Ich werfe daher sogar die Behauptung in den Ring, der Beitrag von Open-Source-Software bzw. darauf basierender Infrastruktur geht (weit) über “Ich kann meine Unterlagen auch in 10 Jahren noch benutzen”. Und da ich faul bin, referenziere ich bloß:

    Tacke, O. (2018). Mit Open-Source-Software die Lehre öffnen – ein Plädoyer. MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie Und Praxis Der Medienbildung, 32(Offenheit in Lehre und Forschung – Königsweg oder Sackgasse?), 41-50. https://doi.org/10.21240/mpaed/32/2018.10.22.X, auch wenn das von mir selbst stammt.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bitte beachten Sie auch unsere Datenschutzerklärung.