Der OER-Community droht die Spaltung!

Ein Meinungsbeitrag von jOERan Muuß-Merholz

OER18, visualthinkery., remixed by Christian Friedrich, CC BY-SA 4.0.

Einige der wichtigsten internationalen OER-Konferenzen haben für 2020 eine deutliche Neuausrichtung angekündigt. Auch in Deutschland gibt es Akteure, die nicht mehr „einfach nur OER“, sondern mindestens eine Transformation von Bildung, besser sogar einen gesamtgesellschaftlichen Wandel im Blick haben. Gleichzeitig wird für die große Open Education Conference nach 16 Jahren das Ende diskutiert – die Community sei zerstritten.

Unser Autor Jöran Muuß-Merholz sucht Rat: Erleben wir eine notwendige Erweiterung des Themas OER? Oder wird der Diskurs so überfrachtet, dass ihm Zusammenbruch oder Spaltung drohen?

OER am Wendepunkt? Bestandsaufnahme 2019/20

Im November 2019 wurde die UNESCO-Recommendation zu Open Educational Resources verabschiedet – der bisher größte Meilenstein der globalen OER-Geschichte. Darin wird der Beitrag von OER zu großen Zielen wie chancengerechten, inklusiven, offenen und partizipativen Wissensgesellschaften betont. Im Mittelpunkt steht ein umfassender Maßnahmenkatalog, mit dem die Verbreitung und die Qualität von OER in den Mitgliedsländern der UNESCO gefördert werden können. Dabei betont das Papier seine Anschlussfähigkeit an vorhandene Routinen, Strukturen und Forderungen.

Im gleichen Jahr 2019 kündigten große Konferenzen eine deutliche Erweiterung ihres Fokusses an:

  • Die traditionsreiche OER20 in UK setzt für ihre Konferenz 2020 den Schwerpunkt „The Care in Openness“ und fragt: „How can we build sustainable communities, participatory practices, and civic engagement for the public good and a healthier democracy?“
  • Die OpenCon, jährliches Treffen des Open-Evangelisten-Nachwuchs, kündigte für 2020 einen „shift“ an, konkreter ein „reconfigured global meeting in 2020. This decision was driven by the community’s commitment to put equity at the core of its work“.
  • Die Konferenz OE Global 2019 des Open Education Consortiums in Mailand nimmt sich da fast noch bescheiden aus mit ihrer Fragestellung „how opening education helps us achieve universal access, equity, innovation and opportunity in education“.
  • Die Diskussion erreicht Ende November auch Deutschland. Wikimedia lädt Gäste aus USA und UK zu einer Abendveranstaltung unter der Überschrift „Open for a cause“ ein. Es geht um „Education, open participation and democracy: critical reflections“.

Wir müssen den Fokus erweitern!

Es gibt gute Argumente für einen erweiterten Fokus. Es kann nicht das Ziel der Open-Akteure sein, einfach nur tradierte Routinen und Strukturen mit Hilfe von OER zu optimieren. Einfach nur billige, schnellere, buntere Bildungsmaterialien – das kann nicht das Ziel sein. (Das ist allerdings nur dann leicht zu sagen, wenn man in der reichen und mit Bildungsmaterialien gut ausgestatteten Mitte Europas sitzt.) OER-Debatten können das gesellschaftliche Umfeld nicht ignorieren, in dem Ideale wie offene Gesellschaften, Demokratie, Gerechtigkeit und Teilhabe unter Beschuss stehen.

Gleichzeitig ist der neue Fokus gar nicht so neu. Er lässt sich auch als Rückbesinnung auf die ursprünglichen Ideale interpretieren. Schon die Cape Town Open Education Declaration von 2007 formulierte eine entsprechend umfassende Vision.

Wir überfrachten das Thema OER!

Andererseits reicht „gut gemeint“ alleine nicht aus. Der Erweiterung kann nach hinten losgehen. 2020 droht eine totale Überfrachtung des OER-Diskurses. Für die allermeisten Menschen stehen bei OER die einfache Verfügbarkeit und die praktische Anwendbarkeit des Materials im Mittelpunkt. Für sie ist die Debatte der Aktivisten und Evangelisten ein Elitendiskurs, der sich jetzt (noch) weiter von ihrer Praxis zu entfernen droht.

In loser Folge erscheinen in der Reihe „jOERans Meinungsbeiträge“ Kommentare, die Diskussionen rund um OER anregen sollen. Wir freuen uns sehr, wenn Sie Ihre Einschätzungen, Erfahrungen und Fragen unten als Kommentar veröffentlichen. In dieser Reihe geht es – wie der Name schon sagt – nicht zwingend um eine Positionierung von OERinfo.
In loser Folge erscheinen in der Reihe „jOERans Meinungsbeiträge“ Kommentare, die Diskussionen rund um OER anregen sollen. Wir freuen uns sehr, wenn Sie Ihre Einschätzungen, Erfahrungen und Fragen unten als Kommentar veröffentlichen. In dieser Reihe geht es – wie der Name schon sagt – nicht zwingend um eine Positionierung von OERinfo.

Ein weiterer Kritikpunkt: Häufig ignorieren OER-Aktivisten, dass sich neben und vor der OER-Debatte schon viele Menschen mit den Fragen beschäftigen, die sie jetzt vermeintlich neu aufs Schild heben. Schon in der Debatte um Open Educational Practices, jetzt auch bei Fragen von Bildungsgerechtigkeit, Demokratie und Partizipation gibt es eine reiche Tradition an Theorie und Forschung, Debatten und Praxis. Man kann an diese Debatten anschließen – aber man sollte nicht so tun, als habe die Open-Bewegung sie erfunden.

Es droht die Spaltung der Open-Community.

Nun mag man fragen, ob hier Widersprüche konstruiert werden, die in der Praxis nicht so schwer ins Gewicht fallen. Wer dies denkt, sollte noch einmal in die USA schauen. Hier koordiniert Open-Vordenker David Wiley seit 2003 (!) die Open Education Conference. Ende Oktober 2019 zählte die Konferenz 850 Teilnehmer*innen. Zum Ende der Konferenz verlas Gastgeber David Wiley ein persönliches Statement – und verkündete, dass er die Konferenz auf unbestimmte Zeit auf Eis legen werde. An die Community richtete Wiley einen „call to reset and start over“.
Die anschließende Diskussion beschreibt Inside Higher Ed mit einer eindeutigen Überschrift: „Open Education… Is Closed“. Der Artikel sammelt Stimmen der Akteure, von denen viele von einer Spaltung der Open-Community sprechen. Andere interpretieren die Kontroversen als Wachstumsschmerzen gerade aufgrund des Erfolgs der OER-Bewegung.

Was denken Sie?

Üblicherweise enden jOERans Meinungsbeiträge mit einer starken Positionierung. Heute ist Jöran ratlos – es gibt für beide Richtungen gute Argumente. Und vielleicht kann man auch die Grundannahme, dass es sich hier überhaupt um einen Widerspruch handelt, in Frage stellen. Wir bitten um Meinungen, unten als Kommentare!

Creative Commons LizenzvertragDieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Jöran Muuß-Merholz für OERinfo – Informationsstelle OER.

Ein Kommentar zu “Der OER-Community droht die Spaltung!

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    Jöran Muuß-Merholz :

    Die Diskussionen erinnern mich manchmal an die Figur des Dr. Nobel Price. In der frühen Sesamstraße war er ein Erfinder, der in einem Labor auf einer weit abgelegenen Insel arbeitete und gelegentlich der Welt stolz seine (vermeintlich) neuen Erfindungen und Entdeckungen präsentierte, zum Beispiel das Mikrofon, Strümpfe, einen Besen, einen Hasen oder die Schwerkraft. Ich nehme mich da selbst nicht aus, wenn ich Dinge neu entdecke, die für andere schon längst selbstverständlich waren.

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