Qualität ist nicht alles. Wann hohe Anforderungen an OER kontraproduktiv werden

Ein Meinungsbeitrag von jOERan Muuß-Merholz

OER soll möglichst hohe Qualität haben – das klingt erst einmal plausibel. Diese Forderung hat jedoch fatale Nebenwirkungen, argumentiert Jöran Muuß-Merholz in seinem Meinungsbeitrag.

Samenwaage, Foto: Andreas Praefcke via Wikimedia Commons , Public Domain

Die Frage nach der Qualität

„Qualität“ der Materialien ist eine Eigenschaft, die in keiner OER-Debatte fehlen darf. An dieser Stelle soll nicht darauf eingegangen werden, dass Qualität gar nicht ein so objektives Kriterium ist, wie es meist stillschweigend angenommen wird. Stattdessen geht es um die Kehrseite der Forderung, man solle OER bitte nur veröffentlichen, wenn die Qualität gründlich geprüft und abgesichert sei. Denn das bedeutet natürlich, dass Materialien, die halbfertig, auf bestimmte Einsatzzwecke ausgerichtet oder auch nur „einfach“ geprüft sind, nicht veröffentlicht werden sollten. Diese Forderung bringt Nebenwirkungen mit sich, die fatal für Engagement und Partizipation, eine Kultur des Teilens und kollaboratives Arbeiten – und am Ende möglicherweise sogar für die Qualität sind.

Bitte nicht verwechseln: Ich rede hier nicht von Menschen, die professionell OER erstellen im Sinne von: Es ist Teil ihrer Stellenbeschreibung. Hier können wir selbstverständlich hohe Ansprüche stellen. Es geht mir um diejenigen Menschen, die OER freiwillig machen, beispielsweise die Lehrerin bei ZUM.de, der Kursleiter an der VHS, der Professor, der seine Folien bereitstellt oder einfach Du und ich, die ein Google Doc mit Notizen via Twitter teilen.

Was ist die Forderung?

Der oben zitierte Tweet stammt von André Kröckel, der sich intelligent für OER engagiert und sich unermüdlich für diese Position einsetzt. Sein Tweet listet die wichtigsten rechtlichen Punkte der Forderungen auf, die veröffentlichte Materialien erfüllen sollen. Neben diesen formalen Bedingungen werden in der Regel auch inhaltliche Forderungen nach „Fehlerfreiheit“, Sorgfalt, Vollständigkeit, Sachlichkeit, Ausgewogenheit etc. genannt. Die Forderungen sind nachvollziehbar. Die Grundidee dahinter ist: je mehr Sorgfalt vor der Veröffentlichung, desto mehr Qualität des Materials, desto besser die OER-Welt. Und niemand würde das Gegenteil fordern, also Materialien mit bewussten Urheberrechtsverletzungen oder Falschdarstellungen.

Was ist die Nebenwirkung?

Kröckel gehört zu denjenigen, die den Mehraufwand anerkennen, der mit der Forderung verbunden ist. Wer mehr Sorgfalt in sein Material investiert, braucht zusätzliche Zeit und Energie für tendenziell nervige und „uneigentliche“ Arbeiten. Die Nebenwirkung ist: Es gibt schlicht weniger OER und weniger Menschen, die OER teilen. Denn nicht jede Person, die erwägt, OER zu teilen, steht vor der Entscheidung: Veröffentliche ich OER mit weniger Aufwand oder mit mehr Aufwand? Für die meisten heißt die Frage vielmehr: Veröffentliche ich OER mit weniger Aufwand oder lasse ich es ganz bleiben?
Die Forderung nach mehr Qualität, nach mehr Sorgfalt (und nach dem damit verbundenen Aufwand) schreckt viele Menschen davon ab, überhaupt Materialien zu teilen. Nun gut, könnte man entgegnen, dann gibt es vielleicht weniger OER, aber dafür ist die Qualität durchschnittlich besser und damit wird mittelfristig die Akzeptanz von OER steigen. Und dann gibt es vielleicht langfristig doch mehr OER.

Was ist die richtige Balance?

Diese Frage nach einer entsprechenden Balance ist nicht von der Hand zu weisen. Es kann auch nicht das Ziel sein, möglichst viel Materialien zu veröffentlichen, deren Qualität vollkommen beliebig wäre. Aber die Balance wird in der Diskussion häufig nicht ausreichend weit definiert. Die Forderung „mehr Qualität!“ richtet sich nur an einem Ziel aus und ignoriert ein anderes Ziel. Sie berücksichtigt das Ziel: „Wir wollen mehr gute Materialien!“ Sie verkennt das Ziel: „Wir wollen, dass Menschen Materialen miteinander teilen, dass sie gemeinsam Dinge entwickeln, dass sie sich engagieren und partizipieren …“ Diese zweite Ebene steht zwar in den Sonntagsreden zu OER und darf in keinem Förderantrag fehlen. Aber in der Praxis wird sie schnell dem ersten Ziel „Qualität des Materials“ geopfert.

Das mit OER verbundene Ziel, nicht nur einfach mehr Materialien zu haben, sondern auch die Art und Weise von Produktion und Zusammenarbeit zu verändern, bleibt auf der Strecke. Es wird nicht nur ignoriert, sondern aktiv verhindert.

Parallelen zu Wikipedia

Vergleiche zwischen OER und Wikipedia sind beliebt, aber häufig schief. An dieser Stelle sei dennoch ein Vergleich zur Diskussion gestellt: Die deutschsprachige Wikipedia hatte schon vor bald 10 Jahren eine Diskussion um Qualität vs. Quantität, gute Artikel vs. hohes Engagement. Sie machte sich an der Frage fest, ob man mehr neue Artikel zulasse, die dann tendenziell weniger Qualität mit sich bringen würden, oder man erst die bestehenden Inhalte prüfen und verbessern sollte. Die Argumente in dieser Debatte „Inklusionisten“ versus „Exklusionisten“ lässt sich auf die Fragen zu OER übertragen.

In loser Folge erscheinen in der Reihe „jOERans Meinungsbeiträge“ Kommentare, die Diskussionen rund um OER anregen sollen. Wir freuen uns sehr, wenn Sie Ihre Einschätzungen, Erfahrungen und Fragen unten als Kommentar veröffentlichen. In dieser Reihe geht es – wie der Name schon sagt – nicht zwingend um eine Positionierung von OERinfo.
In loser Folge erscheinen in der Reihe „jOERans Meinungsbeiträge“ Kommentare, die Diskussionen rund um OER anregen sollen. Wir freuen uns sehr, wenn Sie Ihre Einschätzungen, Erfahrungen und Fragen unten als Kommentar veröffentlichen. In dieser Reihe geht es – wie der Name schon sagt – nicht zwingend um eine Positionierung von OERinfo.

In der deutschsprachigen Wikipedia haben sich die Exklusionisten durchgesetzt. Zwar wurden viele neue Artikel nicht geschrieben (oder gleich wieder gelöscht). Aber dafür kann die deutschsprachige Wikipedia als die qualitativ beste weltweit gelten und muss keine Vergleiche mit anderen Enzyklopädien scheuen. Das Ziel „Qualität“ wurde also erreicht. Aber die zweite Ebene, in der es immer auch um Engagement, Partizipation und Zusammenarbeit ging, ist dabei untergegangen. Landläufig werden weniger Autoren (von Autorinnen ganz zu schweigen), toxische Umgangsformen und zurückgehendes Engagement beklagt. Langfristig könnte diese Entwicklung sogar zum Scheitern der deutschsprachigen Wikipedia führen. Es wird bereits massenmedial darüber diskutiert, das Modell der freiwillig engagierten Autor*innen durch bezahlte Redakteure zu ersetzen – weil die Qualität sonst nicht mehr zu sichern sei.

Was denken Sie?

Soweit der Meinungsbeitrag von jOERan Muuß-Merholz. Die Kommentare sind offen. Haben Sie Fragen, Ergänzungen oder Widerspruch? Wir freuen uns über jeden Beitrag, der der Meinungsbildung dient!

Creative Commons LizenzvertragDieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Jöran Muuß-Merholz für OERinfo – Informationsstelle OER.

Ein Kommentar zu “Qualität ist nicht alles. Wann hohe Anforderungen an OER kontraproduktiv werden

  • Avatar
    Oliver Tacke :

    Hallo, Jöran!

    Ich kann deiner Argumentation folgen, vermisse aber eine Gegenüberstellung mit NOER, also nicht-offenen Lehrmaterialien. “Fehlerfreiheit“, Sorgfalt, Vollständigkeit, Sachlichkeit, Ausgewogenheit — diese Kriterien gibt es doch hoffentlich dort auch. Mit dem Blick darauf gibt es zu bewältigenden Aufwand, ja, aber mir ist nicht klar, wo hier der Unterschied zwischen NOER und OER liegen soll. Letztere sorgen sicher für mehr Aufwand als Erstgenannte, weil rechtliche Fragen zu klären sind und “juristisch sauber” auch ein Qualitätsmerkmal sein könnte. Aber der Stein des Anstoßes ist dann wesentlich kleiner.

    Ist also tatsächlich der vermutete Aufwand der Stein des Anstoßes in der Qualitätsdebatte, oder das “Darf das jetzt jeder? Wo kommen wir denn da hin?!” Das kommt ja bei dir in der zweiten Hälfte auch durch. Den Vergleich zur Wikipedia finde ich in der Tat schief, weil in der OER-Welt a) Materialien meist wohl eher nicht “überschreibbar” angelegt sind und b) selbst die Kollaboration von fünf unterschiedlichen Personen wohl eher ein Traum ist. Wegen a) sehe auch hier keinen Unterschied zu NOER. Ich kann mit oder ohne offene Lizenzen Varianten von Inhalten anfertigen und im Verborgenen in Lehrveranstaltungen benutzen. Und wegen b) ist die Frage tatsächlich wieder eher, von welcher Einzelperson kommt das.

    Denken wir uns eine Matrix. Auf die einen Achse legen wir AutorInnen, etwa “Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Erika Mustermann” und “Max Müller”. Nur diese arbeiten daran und veröffentlichen die Inhalte. Auf der anderen Achse tragen wir die Offenheit der Materialien auf, etwa “NOER” und “OER”. Kann man durch Graustufen natürlich verfeinern. Und nun, vielleicht eine nette Workshop-Übung, tragen wir mal die Qualität in jedes Feld ein, vielleicht nominal als “schlecht”, “neutral” und “gut”. Wie sieht die Matrix aus? Trägt jemand hier bei derselben Person unterschiedliche Werte für NOER und OER ein? Warum sollte die Qualität hier anders sein?

    Trägt jemand hier beim selben Offenheitsgrad unterschiedliche Werte für die Qualität in Abhängigkeit von den Personen ein? Wird Material von einer habilitierten Person zum Beispiel besser eingeschätzt als von jemand anderem? Einem Double-Blind-Peer-Review wäre die Person aber egal, das Material zählt. Hier haben Profs mit Blick auf die fachliche Richtigkeit hoffentlich tatsächlich die Nase vorn, aber in der Forschung gibt es für sie ja trotzdem ein blindes Begutachtungsverfahren — nicht aber für NOER. Kurzum: Wenn die Person hier einen Unterschied macht, sollte für NOER wie für OER ein entsprechendes Verfahren eingeführt werden. Nicht, dass ich das fordere; mein Punkt ist bloß, dass ich auch hier keinen Unterschied zwischen NOER und OER.

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