„Ein bisschen open“ geht nicht! Oder doch? Was die Offenheits-Fundamentalisten übersehen…

Ein Meinungsbeitrag von jOERan Muuß-Merholz

Foto von Christopher Dies unter der Lizenz CC BY 4.0
Foto von Christopher Dies unter der Lizenz CC BY 4.0

„Das ist aber nicht wirklich offen!“ lautet ein Vorwurf, der in der Open-Community häufig erhoben wird. Das stimmt, wenn ein Material gar keine freie Lizenz trägt oder die Bearbeitung nicht erlaubt ist. Trotzdem muss man mit dem Vorwurf „nicht wirklich offen“ vorsichtig sein, warnt Jöran Muuß-Merholz in unserer Reihe von Meinungsbeiträgen. Die einseitige Argumentation blende die Perspektive der Lernenden aus. Außerdem können wir von der Verbreitung witziger Katzenfotos lernen, wo die wichtigste Grenze der Offenheit verläuft.

Was ist „wirklich offen“?

Der Streit um die Definition von „Open“ in „Open Educational Resources“ ist so alt wie der Begriff selbst. Für die meisten ist die freie Lizenz, die eine Bearbeitung erlaubt, Kern der Offenheit. Stärkere Ansprüche stellt die Fraktion der Open-Fundamentalisten: Es braucht eine freie Lizenz ohne Einschränkungen und außerdem bearbeitbare Dateien in nicht-proprietären Dateiformaten. Auf der anderen Seite des Spektrums treffen wir einen Begriff von „Open“, der sich damit zufrieden gibt, dass Materialien frei (im Sinne von kostenlos) verfügbar sind.

Grafik „Creative Commons Lizenzspektrum DE“ von JoeranDE/ Jöran Muuß-Merholz auf Basis der Arbeit von Shaddim unter CC BY SA 4.0 via Wikimedia Commons
Grafik „Creative Commons Lizenzspektrum DE“ von JoeranDE/ Jöran Muuß-Merholz auf Basis der Arbeit von Shaddim unter CC BY SA 4.0 via Wikimedia Commons

Die de-facto-Standardlizenzen für OER von Creative Commons gibt es in Varianten mit verschiedenen Einschränkungen und entsprechend unterschiedlicher Offenheit (siehe Grafik). Es ist nachvollziehbar, dass Menschen beispielsweise bei einer ND-Lizenz, die die Bearbeitung nicht erlaubt, oder bei einer NC-Lizenz, die die kommerzielle Nutzung ausschließt, nicht von OER sprechen wollen. Aus dieser Logik ist die Nicht-Anwendung einer CC-Lizenz gleichbedeutend mit „geschlossen“.

Was hilft ein Spaltbreit Offenheit?

Für die Diskussion „Was ist wirklich offen?“ hilft die Metapher von der mehr oder weniger offenen Tür. Eine Tür kann unterschiedlich weit offen sein: sperrangelweit, halb geöffnet oder nur einen Spalt breit. Es gibt keinen klaren Schnitt für Offenheit. Gleichzeitig ist der Grad der Offenheit entscheidend für unser Handeln. Eine weit offene Tür ist eine Ermöglichung und eine Einladung für Alle und Alles. Bei einer halb offenen Tür werden manche durch die Tür gehen können, andere müssen draußen bleiben.
Bei offenen und freien Lizenzen ist es wie bei der Tür: Es gibt unterschiedliche Grade an Offenheit und Freiheiten. Aber selbst ein Spaltbreit Offenheit ist besser als eine ganz verschlossene Tür. Man kann durch den Spalt hindurch sehen, was sonst gar nicht sichtbar wäre. Und durch den Spalt hindurch kann es einen Austausch geben.

Offenheit für Lehrende ist nicht gleich Offenheit für Lernende

In loser Folge erscheinen in der Reihe „jOERans Meinungsbeiträge“ Kommentare, die Diskussionen rund um OER anregen sollen. Wir freuen uns sehr, wenn Sie Ihre Einschätzungen, Erfahrungen und Fragen unten als Kommentar veröffentlichen. In dieser Reihe geht es – wie der Name schon sagt – nicht zwingend um eine Positionierung von OERinfo.
In loser Folge erscheinen in der Reihe „jOERans Meinungsbeiträge“ Kommentare, die Diskussionen rund um OER anregen sollen. Wir freuen uns sehr, wenn Sie Ihre Einschätzungen, Erfahrungen und Fragen unten als Kommentar veröffentlichen. In dieser Reihe geht es – wie der Name schon sagt – nicht zwingend um eine Positionierung von OERinfo.

Bei der Forderung nach „richtiger Offenheit“ kommt häufig die Perspektive der Lernenden zu kurz. Für die Lernenden ist in den meisten Fällen gar keine freie Lizenz, sondern der öffentliche Zugang zu einem Material von entscheidender Bedeutung. Selbstverständlich wäre es noch viel besser, wenn die Lernenden mit dem Material möglichst viel machen können, ermöglicht durch eine freie Lizenz. Aber ein Spaltbreit Offenheit ist für die Lernenden der entscheidende Unterschied. Für sie ist das die erste und größte Frage: Ist ein Video auf YouTube zu finden oder nur auf der DVD eines Verlags zu kaufen? Steht ein Text ohne Hürde im Web, oder ist er nur nach Abonnement oder Bezahlung zugänglich?
Für die Lehrenden liegt der Fall nicht so klar. Sie kommen schneller an den Punkt, an dem ihnen der einfache Zugang nicht reicht und sie mehr Freiheiten und Offenheiten benötigen.

Katzenbilder machen den Unterschied

Clay Shirky hat in seinem Buch „Cognitive Surplus“ beschrieben, wie sich Menschen gestaltend (und nicht nur konsumierend) im öffentlichen Web beteiligen. Er widerspricht der Position, dass die verbreitesten Formen der Beteiligung keine gesellschaftliche Bedeutung hätten. Shirky sucht sich für seine Argumentation die schwächst mögliche Form der Beteiligung heraus: das Erstellen und Veröffentlichen eines witzigen Katzenfotos.

Open Cat Content  CC0. Bearbeitung als Meme von Gabi Fahrenkrog für OERinfo, immer noch CC0.
Open Cat Content CC0. Bearbeitung als Meme von Gabi Fahrenkrog für OERinfo, immer noch CC0

Shirky argumentiert, dass zwischen Katzenfoto und stärkeren Formen des gesellschaftlichen Fortschritts ein weites Kontinuum zwischen schwachem und starkem Engagement liegt. Aber die Unterschiede auf diesem Kontinuum sind graduell und für einen Menschen schrittweise zu erreichen. Aus schwächeren Formen können stärkere Formen werden. Der große und entscheidende Sprung liegt für Shirky vielmehr zwischen den Stufen „gar nichts beitragen“ und „ein Katzenbild beitragen“.
Shirkys Argumentation lässt sich auch auf die Frage nach der Offenheit übertragen. Der größte Unterschied ist der, ob ein Material überhaupt im Web zugänglich ist oder nicht. Der größte Unterschied für die Urheber ist, ob sie sich überhaupt mit CC-Lizenzen auseinander setzen oder nicht.
Viele Türen mögen nur einen Spaltbreit offen stehen. Aber das ist schon ausreichend dafür, dass wir uns sehen können und dass die Luft zwischen den Räumen zirkulieren kann. Und es reicht aus, dass wir einen Fuß in die Tür stellen und über weitere Öffnung sprechen können.

Offen zur Diskussion!

Wie weit offen muss die Tür sein, wenn es um OER geht? Eine Antwort, auf die wir uns wahrscheinlich schnell einigen können, lautet: „Es kommt darauf an.“ Aber auf was kommt es an? Das OERinfo-Team freut sich über Kommentare (unten)!


Open Credits

Ich als Autor bringe häufig selbst als „Offenheits-Fundamentalist“ den Vorwurf „nicht wirklich offen“ an. Ich beziehe mich also in die Kritik mit ein.
Die Metapher von der Tür haben schon andere vor mir verwendet. Ich kann den Ursprung nicht nachvollziehen. (Wenn etwas schon lange verbreitet ist, dann ist meist David Wiley ein guter Tipp für die erste Quelle.)
Shirky spricht in seinem Buch von den Katzenbildern nicht als der „schwächsten“, sondern als der „dümmsten“ Form der Beteiligung: ”The stupidest possible creative act is still a creative act.”

Creative Commons LizenzvertragDieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Jöran Muuß-Merholz für OERinfo – Informationsstelle OER.