Im Juni 2026 führte das Team von OERinfo Online-Veranstaltungen mit Akteur*innen der Elementar- und Berufsbildung durch, um sich über aktuelle Herausforderungen, Bedarfe und Potenziale von offenen Bildungsmaterialien auszutauschen. Die Veranstaltungen schließen an die Ergebnisse des systematischen Mappings an, die dabei gezielt aufgegriffen wurden. Die Diskussionen in den Veranstaltungen und die flankierende Befragung der Teilnehmenden zeigen, welche Aspekte rund um OER die Akteur*innen in diesen Bildungsbereichen beschäftigen.

Ein Beitrag von Johannes Appel
Bei OERinfo verfolgen wir im Communitybuilding das Ziel, neue Zielgruppen für Open Educational Resources (OER) zu erschließen. Dabei sollen vor allem Bildungsbereiche gestärkt werden, die noch besonderes Entwicklungspotenzial aufweisen.
Analyse von Bildungsinstitutionen in Bezug auf OER
Rückblick
Ein Zwischenschritt, um auf empirischer Grundlage einen fundierten Überblick über konkrete Bildungsakteure und ihre OER-Aktivitäten zu erhalten, war das systematische Mapping. In verschiedenen Blogbeiträgen haben wir bereits die Konzeption, Methodik und Zwischenergebnisse des Mappings vorgestellt. Eine ausführliche wissenschaftliche Darstellung des Analyseverfahrens und der Ergebnisse findet sich zudem in einem Beitrag in der Zeitschrift für Erziehungswissenschaft (Appel, Grimm & Rittberger 2026), ergänzt durch einen auf Zenodo verfügbaren “Leitfaden zur Durchführung des Systematic Mappings von OER-Communities“ (Appel 2026).
Die Methode
Kurz zusammengefasst wurden für das systematische Mapping ausgewählte Institutionen aus der Elementarbildung und der beruflichen Bildung mithilfe eines angepassten Stakeholderanalyse-Verfahrens untersucht. Die beiden genannten Bildungsbereiche wurden dabei aus dem Grund in den Blick genommen, da sie nach bisherigen Kenntnissen in Bezug auf OER noch nicht in dem Maße als erschlossen gelten wie etwa der Schul- oder der Hochschulbereich (vgl. OER-Statistik von WirLernenOnline und entsprechende Daten der OER World Map, sowie Informationen dazu im oben genannten Artikel). Im Rahmen der Analysen wurde auf Grundlage standardisierter Online-Recherchen der Einflussgrad der Institutionen im jeweiligen Bildungsbereich sowie die Art der erkennbaren OER-Aktivitäten systematisch eingeschätzt.
Ergebnisse
Die Ergebnisse zeigen, dass zwar bei rund 70 Prozent der untersuchten Institutionen keine OER-Aktivitäten sichtbar waren; gleichzeitig wurden aber eine Reihe von OER-relevanten Aktivitäten unterschiedlicher Art sichtbar. Gute Ansatzpunkte für die Erweiterung der OER-Community bieten dabei aus unserer Sicht solche Institutionen, die sich mit ihren nach außen erkennbaren Aktivitäten und Angeboten „an der Schwelle” zu OER bewegen (vgl. Appel, Grimm, Rittberger 2026).
Austausch und Vernetzung fördern – bildungsbereichsspezifisch
Die Diskussion der Ergebnisse des Systematic Mappings bestärkte uns darin, im nächsten Schritt die Gruppe der „OER-nahen Akteure“ gezielt mit Austausch- und Vernetzungsangeboten anzusprechen. Dazu konzipierten wir Online-Austauschforen, um im Dialog mehr über die bildungsbereichsspezifische OER-bezogene Situation dieser Zielgruppen zu erfahren und anschließend im Austausch mit erfahrenen OER-Akteuren über mögliche Synergien und Potenziale ins Gespräch zu kommen.
Durch gezielte Ansprache Beteiligung generieren
Die Einladung der Teilnehmenden geschah durch eine gezielte Ansprache, die je nach Möglichkeit entweder direkt an konkrete, innerhalb der Institution für das Themengebiet zuständige Personen gerichtet wurde, oder über einen zentralen institutionellen Kontakt lief. Interessant ist, dass sich in einigen Fällen bereits an diesem Punkt ein ausführlicheres Gespräch zum Thema OER entwickelte, zum Beispiel wenn es um Rückfragen zur allgemeinen Einordnung der Thematik oder die zu erwartenden Inhalte der Veranstaltung ging.
Ausgangslage einschätzen – Angebot bedarfsgerecht stricken
Flankiert wurde die Einladung zu den Online-Austauschforen durch eine onlinebasierte Vorbefragung, um die bildungsbereichsspezifische OER-bezogene Ausgangslage aus Sicht der Teilnehmenden besser einschätzen und die Veranstaltungsinhalte darauf anpassen zu können. Sieben teils offene, teils geschlossene Fragen thematisierten die OER-bezogene Ausgangslage der Teilnehmenden und ihrer Institutionen, den wahrgenommenen Bedarf an OER, bestehende Hürden bei deren Verbreitung sowie Wünsche und Unterstützungsbedarfe für die weitere Entwicklung des Themenfeldes. Teilgenommen haben insgesamt 14 Personen, wobei sich diese Zahl jeweils zur Hälfte auf die beiden einbezogenen Bildungsbereiche aufteilt.
OER ist als Phänomen durchgängig bekannt, aber in unterschiedlicher Weise präsent
Als erstes Ergebnis der flankierenden Online-Vorbefragung zeigte sich, dass 13 von 14 Befragungsteilnehmenden die Begriffe Open Educational Resources, OER oder offene Bildungsmaterialien bekannt waren. Die selbstberichteten OER-Aktivitäten in den eigenen Institutionen ergaben als Nächstes ein insgesamt vielfältiges Bild: Nur eine befragte Person gab an, dass ihr bislang keine OER-Aktivitäten an ihrer Institution bekannt seien. Die übrigen Teilnehmenden berichteten von sehr unterschiedlichen Formen der Auseinandersetzung mit OER – von ersten Schritten, wie einer grundlegenden Beschäftigung mit dem Thema oder der vereinzelten Nutzung verfügbarer Materialien, über Pläne zur Erstellung eigener OER bis hin zur Veröffentlichung eigener Angebote und den internen Austausch von OER. Darüber hinaus gab es auch strukturierte OER-Angebote in Form eigener Portale oder Mediatheken und auch Beteiligungen an institutionenübergreifenden Angebotsstrukturen. Dies verdeutlicht, dass in den Institutionen der Beteiligten sehr unterschiedliche Berührungspunkte mit OER bestehen – ein aufgrund der Vorarbeiten im Rahmen des systematischen Mappings durchaus erwartbares Gesamtergebnis, das jedoch durch aufschlussreiche Einblicke ergänzt wurde: So wurde beispielsweise über eine Institution berichtet, dass ein dort bereits bestehendes, relativ breites Angebot an frei zugänglichen, bislang aber nicht offen lizenzierten Materialien künftig mit CC-Lizenzen versehen werden soll und hierzu bereits Gespräche mit Akteur*innen aus der OER-Community stattgefunden haben.
Erste Eruierung von OER-Mehrwerten und -Barrieren
Bei der freien Nennung zentraler Mehrwerte von OER im jeweiligen Feld führten die Befragten dann bereits einige Punkte an, die später auch in den Diskussionen innerhalb der Veranstaltungen auftauchen sollten: Die allgemeine Förderung des Wissenstransfers auf unterschiedlichen Ebenen (Theorie/Praxis, Weiterbildung, kollegialer Austausch) wurde in beiden Bildungsbereichen wiederholt als zentraler Vorteil genannt. Daneben wurden die Flexibilität und Differenzierbarkeit von Materialien, die potenzielle Zeitersparnis bei der Materialerstellung sowie der Beitrag von OER zur Weiterentwicklung pädagogischer Prozesse und des pädagogischen Personals als wichtige Potenziale von OER hervorgehoben.
Als vorrangige Barrieren für die Verbreitung von OER wurden von den Befragten der Beruflichen Bildung insbesondere fehlende Ressourcen (sowohl für Suchen und Finden als auch Erstellen und Verbreiten von OER), fehlende Qualitätssicherung und mangelnde Kenntnisse bei (potenziellen) Nutzer*innen gesehen, wobei Letzteres oftmals auch mit rechtlichen Unsicherheiten in Verbindung steht. Rechtliche Unsicherheiten und mangelnde Kenntnisse der Nutzer*innen standen hingegen bei den Befragten aus der Elementarbildung als häufige Barrieren im Vordergrund, ebenfalls in Verbindung mit fehlenden Ressourcen.
Vergleich von Innen- und Außensicht
Aufschlussreich war auch der Vergleich der Einschätzungen der Teilnehmenden zu den OER-Aktivitäten ihrer Institutionen mit den Ergebnissen unseres zuvor durchgeführten Mappings. Dabei zeigten sich sowohl Übereinstimmungen als auch Abweichungen: In mehreren Fällen lagen unsere Einschätzungen und die der Betroffenen selbst nur leicht auseinander – etwa, wenn wir auf Grundlage der verfügbaren Informationen das öffentliche Engagement einer Institution für OER geringer eingeschätzt hatten, als es tatsächlich ist. Die Befragungsergebnisse zeigen damit die Grenzen einer reinen Außenperspektive auf Institutionen auf und unterstreichen zugleich die Relevanz des direkten Austauschs mit den jeweiligen Akteur*innen.
Die Befragungsergebnisse lieferten damit einen ersten Eindruck davon, wie die Beteiligten OER in Bezug auf ihr Feld und ihre Institution einordnen. In den Veranstaltungen selbst wurden dann sowohl diese als auch weitere Aspekte vertiefend diskutiert.
Diskussion in Austauschforen vertiefen
Die zweistündigen Online-Austauschforen, an denen neun (Berufliche Bildung) bzw. elf (Elementarbildung) Personen teilnahmen, waren darauf ausgerichtet, einen strukturierten, aber ergebnisoffenen Austausch zwischen den unterschiedlichen Beteiligten zu fördern.
Auf eine kurze Begrüßung und Einordnung der Veranstaltung folgte eine Vorstellungsrunde. Die Teilnehmenden konnten dabei Einblicke in ihre Institution, ihr Angebot oder Projekt sowie ihre bisherigen Berührungspunkte mit OER sowie damit einhergehenden Herausforderungen und Bedarfe geben. Darauf folgte entlang unterschiedlicher Leitfragen die Diskussion der übergeordneten zentralen Frage: Wie kann die Verbreitung von offenen Bildungsmaterialien im jeweiligen Bildungsbereich gefördert werden? Die Ergebnisse der Online-Vorbefragung wurden dabei jeweils als Gesprächsimpuls oder als Rückfrage in den Diskussionsverlauf eingeflochten.
Lizenzierungsfragen, Qualitätssicherung und KI: Diskussionsergebnisse für die Berufliche Bildung
Im Austauschforum mit den Akteur*innen der Beruflichen Bildung standen im Verlauf der Diskussion zunächst Fragen zum Thema offene Lizenzierung im Vordergrund, insbesondere im Hinblick auf Implikationen für den Aufbau von OER-Strukturen und Angeboten: Was gibt es diesbezüglich zu bedenken, welche Erfahrungen haben die Beteiligten in ihrem Umfeld bisher mit dieser Thematik gemacht? Hier zeigten sich bereits die mitunter sehr unterschiedlichen Perspektiven und Vorerfahrungen, was erneut auf die zentrale Bedeutung dieses Teilaspekts von OER hinweist.
Ein weiteres, von den Teilnehmenden als zentral diskutiertes Thema war die Qualitätssicherung. Dies wurde zugleich als Vorteil als auch als Herausforderung gesehen: OER bieten die Möglichkeit, auf relativ einfachem Wege aktuelle und hochwertige Inhalte schnell zugänglich und flexibel nutzbar zu machen, was große Potenziale für die Aus- und Weiterbildung darstellt. Besonders im Falle hochspezialisierter Inhalte bringt dies allerdings auch die Notwendigkeit mit sich, deren Korrektheit sicherzustellen – auch mit Blick auf die Weiterverwendung bzw. Überarbeitung. Diesem Aspekt nähern sich die Beteiligten auch auf unterschiedliche, für ihren jeweiligen Kontext passende Art und Weise.
Ein großes Augenmerk der Diskussion lag schlussendlich auf den aktuellen sowie absehbaren Entwicklungen rund um OER und Künstliche Intelligenz. Potenziale wurden hier insbesondere bei der Erleichterung der Suche nach OER oder Hilfen bei der Materialerstellung gesehen. Dem stehen jedoch mögliche Risiken auf Seiten der (zuvor bereits diskutierten) Qualitätssicherung sowie die mögliche kommerzielle Verwertung frei zugänglicher Inhalte durch KI-Tool-Anbieter gegenüber. Als grundlegend wurde hier von den Teilnehmenden eine allgemeine Sensibilisierung auf allen Ebenen gesehen.
Wissenstransfer, offene Lizenzen und Medienkompetenz: Diskussionsergebnisse für die Frühe Bildung:
Die Akteur*innen der Frühen Bildung waren sich einig bezüglich der großen Mehrwerte von OER für den Wissenstransfer, zwischen Wissenschaft und Praxis einerseits sowie zwischen den Fachkräften andererseits. OER bieten an der Stelle die Möglichkeit einer schnelleren und breiteren Wirkung von aktuellen Erkenntnissen in Praxis, wobei die tatsächliche Ausschöpfung dieses Potenzials immer noch ausbaufähig ist. Eine Rolle spielen dabei die fehlenden zeitlichen Ressourcen, vor allem bei den Praktiker*innen. Ein möglichst leichter und unkomplizierter Zugang zu den Materialien ist daher bei OER-Angeboten in diesem Feld ein wichtiger Faktor, um die in der Praxis oder praxisnah professionell Tätigen erreichen zu können. Dies setzt voraus, dass die Angebote sowohl zielgruppengerecht gestaltet als auch möglichst nutzerfreundlich aufbereitet sind.
Relevant ist in dem Zuge einmal mehr – wie bereits bei der Veranstaltung zur Beruflichen Bildung – der Themenkomplex rund um Rechtsfragen und offene Lizenzierungen. Durch den allgemeinen Mangel an zeitlichen Ressourcen und eine gleichzeitig große Heterogenität hinsichtlich der Ausgeprägtheit von Medienkompetenzen bei den pädagogischen Fachkräften ist es in diesem Feld besonders schwierig, das Thema wirksam zu vermitteln oder Interesse dafür zu wecken.
Die Notwendigkeit zum engen Austausch bzw. zur Zusammenarbeit mit der Praxis lässt sich daher als zentraler Punkt für die nachhaltige und wirksame Etablierung von OER in der Frühen Bildung festhalten, flankiert durch ein stetiges Hinweisen auf das Thema in Veranstaltungen, im persönlichen Kontakt und über bestehende Kanäle der Fachcommunity.
Was wir aus den Austauschforen mitnehmen
Wie erhofft haben die Ergebnisse der beiden Online-Austauschforen dazu beigetragen, das zuvor im Rahmen des Systematischen Mappings auf empirischer Basis gewonnene Bild zum Stand der Etablierung von OER in den beiden Bereichen der Frühen bzw. der Beruflichen Bildung um wichtige Einblicke zu ergänzen. Diese sind für weitere Maßnahmen zur OER Community-Erweiterung relevant.
Es wird deutlich, dass in vielen Bildungsinstitutionen durchaus ein Bewusstsein für und zum Teil auch ausgeprägte Kenntnisse zu offenen Bildungsmaterialien vorhanden sind. Im Gespräch mit den beteiligten Akteur*innen wurde deutlich, dass sich einige “auf dem Weg” befinden, um die Nutzung oder Produktion von OER in der jeweiligen Fachcommunity zu fördern oder sogar konkrete Angebote aufzubauen bzw. zu etablieren.
Neben der allgemeinen Einigkeit bezüglich der großen Potenziale von OER sehen sich die Akteur*innen in der Beruflichen und der Frühen Bildung aber auch Herausforderungen gegenüber, die die (Weiter-)Entwicklung des Themas in ihren Bereichen hemmen oder zumindest verlangsamen. Zentraler Faktor sind hier die fehlenden zeitlichen Ressourcen bei den jeweiligen Praktiker*innen, um sich mit den Grundlagen – ganz besonders rechtlicher Art (Stichwort CC-Lizenzen), aber auch technischer Art (u. a. Rolle von KI oder Tools) – auseinander zu setzen, oder auch um geeignete OER zu suchen, zu produzieren oder zu teilen.
Die Vermittlung entsprechender Kenntnisse in den jeweiligen Fachcommunities wurde in beiden Veranstaltungen als eine Aufgabe verstanden, die mit Hilfe von Austausch und Vernetzung zwischen den unterschiedlichen Akteur*innen insgesamt wirksamer bewältigt werden kann. Der Mehrwert des direkten persönlichen Gesprächs wurde unserer Meinung nach auch durch die Online-Austauschforen einmal mehr deutlich.
Für die Umsetzung weiterer Anschlussmaßnahmen stehen wir von OERinfo mit den Teilnehmenden weiterhin im Austausch. Über erste Aktivitäten hierzu werden wir zeitnah berichten und uns mit der OER-Community austauschen können.
Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Johannes Appel für OERinfo – Die Informationsstelle OER