Gemeinsam OER entwickeln und veröffentlichen in der OERcamp Werkstatt

Jöran Muuß-Merholz im Interview

Werkstatt eines Schiffszimmerers im Altonaer Museum, Foto: Christoph Braun, CC0.

Die OERcamp Werkstatt ist ein neuartiges Format, das die Arbeit an eigenen Materialien in den Mittelpunkt stellt. Für zwei Tage (und Nächte) treffen sich Menschen aus allen Bildungsbereichen, um konzentriert an eigenen Lehr-Lern-Materialien zu arbeiten. Im Interview mit OERinfo erklärt Jöran Muuß-Merholz die Besonderheiten des Formats OERcamp Werkstatt.

OERinfo: Im Herbst 2019 wird es zum ersten Mal das neue OERcamp-Format „Werkstatt“ geben. Mit Werkstatt verbinden sich so Dinge, wie bauen, hämmern, bohren oder hobeln. Wie lässt sich dieses Bild auf das OERcamp-Format übertragen?

Jöran Muuß-Merholz: In einer Werkstatt geht es zur Sache, da kann man sich nicht einfach zurücklehnen, abwarten oder zusehen. Man kann (und sollte) sich natürlich auch mit Planung und Konzept beschäftigen – aber dann muss es losgehen. Man arbeitet an Dingen, wird kreativ, probiert aus, verwirft wieder, schimpft, plant neu und freut sich. Möglicherweise zeigt man jemandem anderes einen Zwischenstand holt sich Rückmeldung. Und am Ende kommt man mit einem fertigen Werk raus aus der Werkstatt und zeigt es der Welt. So sind auch die OERcamp Werkstätten gedacht: Da treffen sich Menschen für zwei Tage (und zwei Nächte), die jeweils eigene Materialien für das Lernen und Lehren bauen und als OER veröffentlichen wollen.

OERinfo: Dann sitzen da einfach viele Menschen nebeneinander und werkeln an ihren Materialien? Kann man sich das wie einen Hackathon oder einen Edit-a-thon vorstellen?

Jöran Muuß-Merholz: Ein Stück weit ja. Es gibt zwei Probleme mit Begriffen wie „Hackathon“ oder „Edit-a-thon“, erstens: Die Begriffe sprechen vor allem Nerds an – wir wollen aber querbeet alle Menschen erreichen, auch Newbies! Zweitens: Wir wollen viel Struktur und Support anbieten. Da sitzen nicht nur 100 Menschen nebeneinander und machen jeweils ihr Ding. Wir haben dazu 10 Menschen mit speziellen Expertisen vor Ort, die kurze Inputs geben und immer für Fragen und Feedback ansprechbar sind. Das sind zum Beispiel Experten für freie Lizenzen wie unsere Kooperationspartner von iRights.info oder Fachleute für zeitgemäßes Lernen wie Nele Hirsch vom ebildungslabor, Leute mit Erfahrungen zu Video- oder Podcast-Produktion, zu Onlinekursen oder interaktiven Übungen sowie last but not least Menschen mit Expertise zur Veröffentlichung und Verbreitung von OER. Die alle sind dafür da, die Menschen in der Werkstatt zu unterstützen.

OERinfo: Also eine betreute Werkstatt …?

Jöran Muuß-Merholz: Wir hatten in der Vorbereitung das Bild eines Coworking-Spaces vor Augen. Da sitzen die Leute auch nebeneinander und machen ihr Ding. Aber in einem guten Coworking-Space geht es auch darum, dass ich weiß, wer im Haus welche speziellen Kenntnisse hat und zu wem ich gehen kann, wenn ich eine Frage habe oder Support brauche.

OERinfo: Bei den OERcamp Werkstätten sollen Menschen zwei Tage lang an ihren eigenen Materialien arbeiten? Kann da jede*r teilnehmen?

Jöran Muuß-Merholz: Ja, definitiv! Wie die klassischen OERcamps richten sich auch die Werkstätten an Menschen aus allen Bildungsbereichen und auf allen Niveaus! Die einzige Bedingung ist, dass an den zwei Tagen OER entwickelt und noch vor Ort veröffentlicht wird …

OERinfo: Warum so streng? Können die Teilnehmende das nicht zu Hause oder im Büro fertig machen?

Jöran Muuß-Merholz: Ja, eigentlich könnten die Leute das 90%ig fertig machen und dann später noch die fehlenden 10% erledigen. Aber nach meiner Erfahrung braucht es für die letzten 10% meistens länger als für die ersten 90% – und manchmal bleibt es auch ganz liegen. Deswegen ist bei uns das Ziel klar: In den letzten Stunden einer OERcamp Werkstatt geht es um die Veröffentlichung – und dann auch ein kleines bißchen um das Feiern der Ergebnisse. Falls Leute ihr Werk noch nicht für 100% abgeschlossen hält, dann sollen sie es halt unter der Überschrift „Beta-Version“ veröffentlichen. 😉

OERinfo: Wie wird so eine OERcamp Werkstatt ablaufen?

Jöran Muuß-Merholz: Ich beschreibe es mal so, wie ich es mir als Wimmelbild vorstellen würde: Im Zentrum sitzen 100 Menschen mit ihren Laptops und Tablets und was sie sonst noch so für die Erarbeitung von Materialien brauchen. Da sitzt nicht jede*r für sich. Manche arbeiten zu zweit oder dritt, andere kommen vielleicht schon in kleinen Projektgruppen. Rundrum gibt es Anlaufstellen, an denen man Expert*innen treffen kann. Diese veröffentlichen vorher ein kleines Programm, wann sie welchen Input geben. Das müssen keine stundenlange Vorträge sein, lieber viele kleine konkrete Inputs, von denen man sich das aussucht, was passt. Und die meiste Zeit über sind die Expert*innen für Fragen und Gespräche ansprechbar. Man kann dann einfach hingehen und sagen: „Hier, guck mal, ich habe das und das vor und für mich stellen sich jetzt folgende Fragen …“

Die OERcamp-Werkstätten

  • OERcamp-Werkstatt Nordost:
    04.11.2019 bis 06.11.2019 im LISUM (bei Berlin)
  • OERcamp-Werkstatt Südwest:
    07.02.2020 bis 09.02.2020 in der Akademie Bad Wildbad (im Schwarzwald)
  • Die Veranstaltungen beginnen voraussichtlich am ersten Tag mit einem Get-Together und enden am dritten Tag nachmittags.
  • Die Termine können einzeln oder gemeinsam besucht werden. Eine Teilnahme nur an einzelnen Tagen ist nicht möglich.
  • Für beide Veranstaltungen steht ein begrenztes Kontingent an Übernachtungen vor Ort zur Verfügung.
  • Die Teilnahme ist kostenlos, dank einer Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Die Veranstaltung steht unter der Schirmherrschaft der Deutschen UNESCO-Kommission.
  • OERinfo begleitet die Werkstätten – wie alle OERcamps – als Medienpartner.
  • Anmeldungen und Details:
    www.oercamp.de/werkstatt/
  • OERinfo: Gibt es denn gar keine zeitliche Struktur, einfach zwei Tage am Stück?

    Jöran Muuß-Merholz: Es gibt eine Planungsphase am Anfang, dann eine lange Arbeitsphase für die Umsetzung und schließlich eine dritte Phase für das Veröffentlichen und Verbreiten. Die Inputs der Expert*innen sind entsprechend angepasst. Außerdem gibt es einen Feedback-Raum, in dem man sich von anderen Teilnehmenden Rückmeldungen zum eigenen Vorhaben holen kann. Der Deal ist einfach: Für jedes Mal, zu dem ich mir Feedback hole, muss ich jemandem anderes Feedback geben.

    OERinfo: Kann ich das mit Leuten aus meinem Umfeld zusammen machen oder muss ich mich als Einzelperson anmelden mit meiner Idee für ein Material?

    Jöran Muuß-Merholz: Es gibt verschiedene Möglichkeiten: Man kann alleine oder zu zweit kommen und schon wissen, was man vorhat. Oder man kommt mit einem kleinen Team, das ohnehin Materialien bauen will und mit der OERcamp Werkstatt das ideale Dach dafür findet. Oder man schließt sich einer Community an, die vor Ort und offen für weitere Mitwirkende ist. Die Communities, von denen wir schon wissen, veröffentlichen wir nach der Sommerpause. Da sind tolle Sachen dabei, zum Beispiel von der ZUM, von Kiron oder von Aula.

    OERinfo: Wo kann ich mich anmelden und was muss ich vorbereiten, um teilnehmen zu können?

    Jöran Muuß-Merholz: Es gibt zwei Termine, einen im Nordosten, einem im Südwesten (siehe Infokasten)
    Die Anmeldung läuft in zwei Stufen ab. Im Moment (Sommer 2019) läuft Stufe 1, in der man unverbindlich Interesse bekundet und quasi einen Fuß in die Tür stellt. (Das haben übrigens Anfang Juli schon über 100 Personen gemacht.) Im August oder September fragen wir dann nach Details und man muss seine Anmeldung verbindlich machen.

    OERinfo: Gibt es etwas, auf das Du Dich persönlich besonders freust oder was Dich überrascht hat?

    Jöran Muuß-Merholz: Ja, mir fällt eine konkrete Sache ein! Wir fragen in Stufe 1, welche Materialarten die Leute bearbeiten wollen. Ganz vorne sind interaktive Übungen (wie z.B. H5P oder Learning Apps), aber auch Videos oder Arbeitsblätter. Aber immerhin 20% haben Virtual Reality als Format angeben. Damit hatte ich nicht gerechnet. Wer einen guten Coach für Openness in Sachen VR kennt, soll sich gerne bei mir melden!

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