Das Bündnis Freie Bildung begleitet die digitale Bildungspolitik in Deutschland seit über einem Jahrzehnt. In dieser Zeit ist es gelungen, offene Bildung als Thema aus der Nische in die bildungspolitische Debatte zu bringen: OER wurden sichtbar gemacht, Netzwerke zwischen Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Praxis aufgebaut und Impulse gesetzt, die schließlich auch in eine nationale OER-Strategie und Förderprogramme eingeflossen sind. Das Bündnis war dabei stets mehr als ein Forum für frei lizenzierte Materialien. Es war ein Ort für die Frage, wie Bildung gerechter, zugänglicher und zukunftsfähiger gestaltet werden kann.

Ein Beitrag von Dominik Theis
Bereits 2019 haben wir darauf hingewiesen, dass Digitalisierung zu kurz greift, wenn sie primär als Infrastrukturprogramm verstanden wird, und gefordert, Pädagogik, Technik und Offenheit konsequent zusammenzudenken. Mit dem Digitalpakt 2.0 und der laufenden Umsetzung der OER-Strategie bietet sich nun die Chance, genau das einzulösen: Digitalisierung ganzheitlich zu gestalten als Infrastruktur-, Praxis- und Gerechtigkeitsprojekt zugleich und im laufenden Prozess, auch wenn neue Technologien Lehren und Lernen verändert.
Von OER zur offenen Bildung
Offene Bildungsressourcen waren nie Selbstzweck. Sie stehen für eine Kultur des Teilens, der Kollaboration und heute ist klar: Es geht nicht nur um Materialien, sondern um offene Bildung – also um Strukturen, Praktiken und Haltungen, die Teilhabe ermöglichen und Abhängigkeiten reduzieren. Die OER-Strategie des Bundes hat hierfür wichtige Grundlagen gelegt und Offenheit strukturell verankert. Entscheidend ist nun, dass diese Dynamik nicht in Einzelprojekten endet, sondern dauerhaft wirksam bleibt.
Digitalpakt 2.0: Die Chance zum Zusammendenken
Der Digitalpakt 2.0 ist ambitionierter angelegt als sein Vorgänger. Er verbindet:
- Weiterentwicklung der digitalen Infrastruktur
- Schul- und Unterrichtsentwicklung
- Digitales Lehren und Lernen
Gerade der dritte Handlungsstrang ist zentral: Hier geht es um innovative Lehr-Lern-Konzepte, Qualifizierung von Lehrkräften und die pädagogische sowie technologische Transformation mittels KI.
Doch entscheidend wird sein, ob und wie die drei Stränge tatsächlich ineinandergreifen:
- Infrastruktur muss nach offenen Standards gestaltet, interoperabel und nachhaltig sein.
- Schulentwicklung muss kollaborativ und lernend angelegt sein.
- Digitales Lehren und Lernen muss Offenheit als Prinzip berücksichtigen.
Offenheit darf kein Add-on sein. Sie ist das verbindende Element.
OEP ernst nehmen – besonders im 3. Handlungsstrang
Die OERcamp-Konsultation 2025 zu Open Educational Practices (OEP) hat deutlich gemacht: Die Community denkt längst weiter als in Materialkategorien. OEP umfasst offene Lehr- und Lernformate, kollaborative Entwicklung von Inhalten und eine partizipative pädagogische Haltung. Zugleich wurde deutlich: OEP ist kein einheitlich definierter Begriff. Wenn er im Rahmen von Förderprogrammen – etwa im 3. Handlungsstrang des Digitalpakts – eine Rolle spielen soll, braucht es klare Kriterien, Zielbeschreibungen und Evaluationsmaßstäbe.
Offene Praxis muss zum Standard werden, wenn sie strukturelle Wirkung entfalten soll.
KI als Lackmustest für Offenheit
Spätestens mit dem zunehmenden Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Bildung wird deutlich, warum das so wichtig ist. KI wirkt wie ein Lackmustest für Offenheit. KI macht deutlich, dass digitale Infrastruktur, Inhalte und pädagogische Praxis nicht getrennt betrachtet werden können. Ohne offene Standards, transparente Systeme und gemeinwohlorientierte Strukturen drohen neue Abhängigkeiten, technisch wie didaktisch. Gerade deshalb müssen die drei Handlungsstränge des Digitalpakts zusammengedacht werden. KI-Kompetenzförderung bleibt unvollständig, wenn Infrastrukturentscheidungen proprietäre Lock-ins erzeugen. Und die Unterrichtsentwicklung verliert an Gestaltungsspielraum, wenn offene Materialien und Praktiken nicht systematisch gefördert werden.
KI ist damit kein Zusatzthema, sondern ein Prüfstein für digitale Souveränität im Bildungssystem.
OER-Strategie weiterentwickeln – nicht auslaufen lassen
Die OER-Strategie sollte nicht als zeitlich begrenzte Initiative verstanden werden, sondern als dauerhafte Strukturkomponente. Sie kann:
- Innovationsräume schaffen,
- Skalierung ermöglichen,
- als Testbed für offene Infrastrukturen dienen,
- und als Gerechtigkeitskorrektiv wirken.
Gerade im Zusammenspiel mit dem Digitalpakt 2.0 kann sie Offenheit jenseits einzelner Modellprojekte systemisch absichern.
Das Bündnis: Vernetzt, kritisch, konstruktiv
Auch das Bündnis Freie Bildung selbst hat sich verändert. Es arbeitet heute stärker verteilt, weniger zentral koordiniert – mit regelmäßigen Calls, Austauschformaten und der Möglichkeit, Aktivitäten sichtbar zu machen. Viele Mitglieder setzen sich weiterhin stark ein für eine offene, gerechte und zukunftsgewandte Bildung. Die zentrale Frage bleibt: Wird Offenheit strukturell zum Prinzip des Systems? Oder bleibt sie Engagement einzelner Akteur*innen?
5 Forderungen für die nächste Phase
Damit Digitalpakt 2.0 und OER-Strategie ihr Potenzial entfalten, braucht es:
- Offenheit als verbindliches Leitprinzip in allen drei Handlungssträngen
- Open Educational Practices (OEP) explizit im Handlungsstrang 3 verankern
- Interoperable, Open-Source-basierte Infrastruktur als Standard statt Option
- Systematische Verzahnung von Infrastruktur, Schulentwicklung und Unterrichtspraxis
- Transparente, gemeinwohlorientierte Regeln für den KI-Einsatz in Bildung
Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Sie entscheidet darüber, wie gerecht, zugänglich und souverän unser Bildungssystem künftig ist. Das Bündnis Freie Bildung möchte diesen Prozess weiterhin begleiten – vernetzt, kritisch und konstruktiv.
Kontakt zum Bündnis aufnehmen
Sie möchten mehr über die Bündnisarbeit erfahren oder sich aktiv einbringen? Schreiben Sie Ihre Anfrage an info [at] buendnis-freie-bildung [dot] de
Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Dominik Theis, Bündnis Freie Bildung für OERinfo – Die Informationsstelle OER