Die deutschsprachige OER-Landschaft in Zahlen

Am 1.3.2016 ist der OER-Atlas 2016 erschienen. 157 Akteure und Aktionen im deutschsprachigen Bereich wurden darin kartographiert. Herausgeber Jan Neumann hat die Einträge statistisch analysiert. Der folgende Artikel ist eine Übernahme aus dem OER-Atlas.


 

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Abbildung 1: Anzahl der Einträge pro Eintragstyp

Insgesamt enthält der Atlas 157 Einträge. 134 wurden innerhalb der Laufzeit des Calls über die Formulare eingegeben, die übrigen wurden nachträglich ergänzt. Der Eingabe lag das OER World Map Datenmodell zugrunde, das vereinfacht zwischen Akteuren (Personen und Organisationen) und Aktionen (Projekte, Services, Events) unterscheidet.

Die Abgrenzung ist bisweilen nicht einfach und wird durch eine unscharfe Verwendung der Begriffe in der Alltagssprache noch weiter erschwert. Unter einem Projekt verstehen wir zielgerichtete einmalige Vorhaben mit klarem Anfangs- und Endtermin . Als „Services“ hingegen bezeichnen wir Online-Angebote, die grundsätzlich auf einen dauerhaften Bestand ausgerichtet sind und einen Mehrwert für eine oder mehrere Kundengruppe bieten. Eine Organisation kann zunächst ein Projekt betreiben und dann später einen, im Rahmen dieses Projektes entwickelten, Service anbieten. In der Praxis verlaufen die Trennlinien häufig jedoch unscharf, so dass eine Differenzierung bisweilen ein gewisses Maß an Übung und Augenmaß erfordert.
Eine Reihe von Eintragungen mussten deshalb nachträglich anderen Typen zugeordnet werden. So wurden einige Eintragungen, die als „Projekt“ eingereicht worden waren, von der Redaktion als „Service“ eingestuft. Umgekehrt wurden andere Eintragungen, die als „Service“ eingereicht wurden als „Projekt“ klassifiziert, da der im Projekt entwickelte Service noch nicht verfügbar war.
Mit 64 Einträgen bilden die Services die größte Gruppe innerhalb der Einreichungen. Nach dem OER World Map-Datenmodell existiert für jeden Service (ebenso wie für jedes Projekt) mindestens ein Betreiber (Organisation oder Person). Von dieser Möglichkeit der Doppeleintragung wurde jedoch nur in den seltensten Fällen Gebrauch gemacht, eventuell auch aufgrund des hohen Aufwandes, der mit der Datenerfassung erforderlich war.
Die Personen sind nicht übernommen worden, da die Gesamtzahl sehr gering und insofern nicht repräsentativ war.

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Abbildung 2: Einträge pro Land (DACH)

139 Einträge und damit 88% der Einträge kommen aus Deutschland. Aus Österreich kommen 14 Einträge (9%), aus der Schweiz 3 Einträge (2%). Hochgerechnet auf gleiche Einwohnerzahlen entspräche dies 131 Einträge aus Österreich und 29,4 Einträgen aus der der Schweiz. Ob dies realistische Indikatoren zur Verbreitung von OER in den drei DACH-Ländern ist, bleibt offen, da der Ursprung der Datensammlung in Deutschland lag und es gut möglich ist, dass in Österreich und der Schweiz weniger OER-Akteure vom Call erfahren und/oder sich am Call beteiligt haben.

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Abbildung 3: Einträge pro Bundesland

Bezüglich der Einträge pro BRD-Bundesland liegen, auf den ersten Blick vielleicht überraschend, Baden-Württemberg mit 27 und Bayern mit 26 Einträgen vorne. Für Baden-Württemberg liegt das u.a. darin bergründet, dass die „Zentrale für Unterrichtsmaterialien“ (ZUM), eine der ältesten deutschen OER-Initiativen dort beheimatet ist. In Bayern liegt zum einen die Metropole München mit Initiativen wie Serlo und der Siemensstiftung. Zum anderen ist hier auch der mit mehreren Einträgen vertretene  BIMS e.V. verortet.

Auf Platz drei liegt mit 19 Einträgen das deutsche OER-Zentrum Berlin. Neben dem öffentlich finanzierten Großprojekt „Offene Bildungsmaterialien für Berlin“ gibt es hier nicht nur eine Reihe von OER-Produzenten, sondern auch verschiedene Akteure, die zum Bereich der politischen Interessenvertretung gezählt werden können (Bündnis freie Bildung, Creative Commons, Open Knowledge Foundation). Ebenfalls in Berlin ist der Wikimedia Deutschland e.V. angesiedelt, der u.a. die großen OERde Konferenzen 2013 und 2014 veranstaltet und jüngst das Projekt „Mapping OER“ durchführte.

Einträge/Services pro Bildungsbereich

Die am Atlas teilnehmenden OER-Akteure wurden gefragt, welchem Bildungsbereich sie sich zuordnen. Dabei war eine Mehrfachnennung möglich:

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Abbildung 4: Einträge pro Bildungssektor

Danach ist der Schulsektor mit 102 Nennungen am stärksten vertreten, gefolgt vom Hochschulsektor mit 82 und dem Weiter-/Erwachsenenbildung mit 71 Einträgen. Im hinteren Bereich des Feldes liegen die Non-/Informale Bildung, die Berufsausbildung, sowie die Frühkindliche Erziehung.

Auch wenn der Schulsektor mit deutlichem Abstand die meisten Nennungen erhalten hat, kann angenommen werden, dass die Dominanz des Schulbereiches in Wirklichkeit noch weitaus größer ist, als es diese Zahlen nahelegen. Dies ergibt sich, wenn man sich zum Vergleich auf die gezählten Services (nicht Einträge) konzentriert und bei der Zuordnung nicht die Angaben der Teilnehmer zugrunde legt (bei denen einen Mehrfachnennung möglich war), sondern die Gliederung des Inhaltsverzeichnisses, bei dem die einzelnen Einträge einem Schwerpunkt zugeordnet werden mussten:

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Abbildung 5: Services pro Bildungsbereich (bereinigt)

In diesem Szenario fallen 55% aller vorhandenen Services in den Schulbereich. Geht man davon aus, dass von den 21 Services, die der Überschrift „Bereichsübergreifend“ zugeordnet worden sind, nochmals ein nicht unwesentlicher Teil seine Wurzeln im Schulbereich hat, so erscheint es, durchaus gerechtfertigt, von einer klaren Dominanz des Schulsektors zu sprechen. Danach kommt mit weitem Abstand der Hochschulbereich, alle anderen Bereiche weisen vergleichsweise eine nur sehr geringe Aktivität auf.

Die hohe Zahl von Mehrfachnennungen kann weiterhin als Indiz dafür gewertet werden, dass die Grenzen zwischen den Bildungssektoren im OER-Bereich zu verschwimmen scheinen. So gibt es eine Vielzahl von Angeboten, die sich an Schule und Hochschule richten, was aufgrund der inhaltlichen Überschneidungen zwischen Sekundarstufe II und dem Grundstudium nahe liegt. Ein weiteres Beispiel bieten viele Angebote von Hochschulen, die gleichzeitig auch den Weiterbildungsbereich adressieren. Schließlich können alle im Rahmen des formalen Bildungssystems erstellten Inhalte, quasi als „Kollateral-Nutzen“ im Bereich der Non- und Informellen Bildung weiterverwendet werden.

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Abbildung 6: Services nach angebotenen Fachbereichen

 

Hinsichtlich der von den Services angebotenen Fachbereichen mag es wenig verwundern, dass die meisten Angebote aus dem Bereich Mathematik und Naturwissenschaften stammen, der traditionell stark in den Bereichen digitale Medien und Open Access vertreten ist. Überraschender ist, dass 37 Services Angebote aus dem Bereich Kunst- und Geisteswissenschaften anbieten. Stark vertreten sind dabei Sprachangebote, Religion und Philosophie, sowie Geschichte. Auf Platz drei folgen die Informations- und Kommunikationswissenschaften, gefolgt vom Erziehungsbereich, dessen starke Präsens auch darauf zurückzuführen ist, das darunter auch all jene Angebote fallen, die sich mit OER beschäftigen.

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Abbildung 7: Services pro Service-Typ

Der Begriff des “Services” nach obiger Definition ist verhältnismäßig unscharf und bedarf der weiteren Konkretisierung. Die Bildung eines aussagekräftigen Systems von Unterkategorien stellt deshalb eine wichtige Forschungsfrage dar, die vom OER Atlas 2016 zwar nicht abschließend beantwortet, aber zumindest einführend aufgeworfen werden kann. An dieser Stelle können zwei Aspekte besonders hervorgehoben werden:

Repositorien und Referatorien

Zum einen findet sich in jüngeren Studien zum OER-Bereich häufiger die Unterscheidung zwischen Repositorien (Plattformen, auf denen Ressourcen abgelegt werden können) und Referatorien (Plattformen, die Links zu Ressourcen enthalten). Bei der Zuordnung der verschiedenen Einträge zu diesen beiden Oberbegriffen ist folgendes klar geworden:

  • Der Begriff des „Repositoriums“ ist noch unscharf und bedarf der genaueren Definition. Idealtypische Repositorien findet man insbesondere in den im Hochschulbereich weit verbreiteten „institutionellen Repositorien“, die sich dadurch auszeichnen, dass sie eine definierte Sammlung von Materialien mit Hilfe einer speziellen Repositoriums-Software verwalten und zugänglich machen. Überträgt man das Konzept jedoch in den Schulbereich, so stellt man fest, dass dort ausdifferenzierte Repositorien nur sehr selten anzutreffen sind. Nichts desto trotz findet man viele Services, die über einen Bestand an OER verfügen. Zugespitzt stellt sich hier die Frage, ob jede Webseite, die den Upload von Ressourcen ermöglicht, bereits als „Repositorium“ zu bezeichnen ist.
  • „Referatorien“ können in vielen unterschiedlichen Formen mit unterschiedlichen technologischem Unterbau auftreten. Die einfachste Form eines Referatoriums bilden einfache Linklisten, wie man sie z.B. auf der Seite „CC Your Edu“ findet. Eine Weiterentwicklung davon bilden Social-Bookmarking-Dienste, wie z.B. Edutags, die es ermöglichen, kollaborativ Linklisten zu relevanten Themen aufzubauen und zu pflegen. Die technisch aufwändigste Form bilden Suchmaschinen, wie z.B. Elixier, die Metadaten und/oder Volltexte von Dokumenten indexieren und schnelle Suchabfragen über große Mengen von Inhalten ermöglichen.
  • Relativ häufig anzutreffen sind Dienste, die Referatoriums- und Repositoriumsfunktionalitäten miteinander kombinieren. Dies trifft insbesondere auf Bildungsserver der Länder zu. Im OER-Atlas sind diese Angebote den Referatorien zugeordnet worden, zwingend notwendig ist dies jedoch nicht.
Wikis

Zum anderen fällt bei Betrachtung von Abbildung 8 auf, dass Wikis die größte erfasste Gruppe von Services darstellen. 24 der insgesamt 64 Services und damit immerhin 37,5% basieren auf Wiki-Technologie. Wikis ermöglichen es Linklisten zu erstellen (ähnlich zu einfachen Referatorien, s.o.), Dateien hochzuladen (ähnliche zu Repositorien) und zeichnen sich darüber hinaus durch Möglichkeit einfache und schnell Webdokumenten herstellen zu können aus. Wiki-Technologie basierende Systeme scheinen nach den vorliegenden Ergebnissen vorrangig im Schulsektor, sowie bereichsübergreifend angeboten zu werden.

Services nach Verwendeter Lizenz

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Abbildung 8: Services nach verwendeter Lizenz

Ein wichtiger Aspekt bei der Begutachtung von OER-Angeboten stellen die verwendeten Lizenzen dar. Von den erfassten 64 Services gaben 45 an, (unter anderem) CC BY-SA lizenziertes Material anzubieten. Der insofern positive Eindruck wird dadurch untermauert, dass insgesamt 44 Services angaben, ausschließlich einen der Lizenztypen CC0, CC BY, oder CC BY-SA zu verwenden. Demnach verwenden 68,75% der deutschsprachigen Services ausschließlich Lizenzen, die unter das Creative Commons Gütesiegel „Approved for free cultural works“ fallen und die die Anforderungen aller gängigen OER-Definitionen erfüllen. Dieses (vermutlich auch im internationalen Vergleich) exzellente Ergebnis spiegelt die hohe Priorität wieder, die dem Thema Lizenzierung innerhalb der deutschen OER-Community eingeräumt wird. Im Lizenzkontext weiterhin interessant ist, dass lediglich 4 der Services angaben, andere als CC-Lizenzen zu verwenden, was unter Aspekten der Kombinierbarkeit und der Rechtssicherheit sicherlich positiv zu bewerten ist.

 

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Projekt

Creative Commons LizenzvertragDieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urheber soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Jan Neumann / OER-Atlas 2016.

3 Kommentare zu “Die deutschsprachige OER-Landschaft in Zahlen

  • L. Humbert — @n770 :

    Es ist m.,E. nok, dass Informatik nicht _getrennt_ geführt wird.
    Informatik darf dem math-nat-Bereich nicht zugerechnet werden, denn Informatik ist sowohl Strukturwissenschaft, wie Mathematik, hat aber auch die Qualität wie einer der Sprachen und ist Ingenieurwissenschaft – daher kann Informatik nicht _untergeordnet_ werden.

    Wir bieten seit einem Jahrzehnt OER über unsere Webseiten an.

    Wir haben das LaTeX-Schule-Paket entwickelt.

    Wir haben das SpionCamp.

    Alles unter CC-Lizenz Version 4.0 — aber mit NC 😉

    Alles wird gepflegt.

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