Aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung steigt auch die Bedeutung digitaler Lehr- und Lernressourcen in den einzelnen Bildungsbereichen stetig an. Der Begriff der offenen Bildungsmaterialien und die damit verbundenen Potenziale sind in Deutschland jedoch noch relativ unbekannt. Dies gilt insbesondere für die berufliche Bildung.
Auch im Bereich der Berufsausbildung wird das Thema fortschreitender Digitalisierung immer wichtiger. Der Einsatz digitaler Lehr- und Lernmedien setzt jedoch immer eine grundsätzliche Bereitschaft sowie entsprechende Kompetenzen voraus. Die Schnelllebigkeit von Wissen und Informationen wirkt sich bereits heute auf die Aktualität von Lerninhalten aus, worauf Lehrende in der Aufbereitung ihrer Materialien schneller reagieren müssen. Das wiederum fordert eine entsprechende Lernfähigkeit der Lernenden. Aber auch im Hinblick auf unterschiedliche Lernstile und immer heterogener werdende Lernergruppen können OER eine wichtige Rolle spielen.
Die Ergebnisse einer bundesweiten Bestandsanalyse zum Einsatz digitaler Medien in der beruflichen Aus- und Weiterbildung in Betrieben zeigten jedoch, dass digitale Geräte abhängig von der Ausbildungsbranche in der betrieblichen Ausbildung zwar genutzt werden; nach Aussagen der Ausbildungsbetriebe sind jedoch nach wie vor nicht-digitale Medienformate wie Lehrbücher oder schriftliche Unterlagen am wichtigsten. Als derzeit eher unwichtig werden Videos, Wikis, Online-Foren, Moocs, Blogs und Podcasts gesehen (GENSICKE u. a. 2016, S. 8f.). Allerdings werden nach Einschätzung der Befragten sowohl web- und computerbasierte Lernprogramme als auch Informationsangebote im Internet, fachspezifische Lernsoftware und Lernplattformen im Laufe der nächsten drei Jahre in der Ausbildung an Bedeutung gewinnen. Durch die technologische Vernetzung von Betrieben und Berufsschulen wird sich eine Verbesserung der Qualität von Ausbildung versprochen, da so der Praxisbezug an berufsbildenden Schulen erhöht werden könne. Auch schreiben Betriebe digitalen Medien Potenziale in der Aktualisierung von Lehrmaterialien, der Unterstützung von Lernortkooperation sowie der Begegnung von Passungsproblemen durch die Attraktivitätssteigerung der Berufsausbildung in Betrieben zu (GENSICKE u. a. 2016, S. 42).
Für den Einsatz digitaler Medien an berufsbildenden Schulen zeichnet sich nach dem aktuellen „Monitor Digitale Bildung Berufliche Ausbildung im Digitalen Zeitalter“ ein entsprechendes Bild ab. Demnach nutzen praktisch alle Berufsschullehrer/-innen das Internet, um mit Schülern/Schülerinnen im Netz zu recherchieren. Berufsschullehrer/-innen nutzen digitale Medien jedoch überwiegend, um traditionellen Unterricht medial zu ersetzen oder zu ergänzen. Eigene digitale Inhalte werden nur von 25 Prozent der Berufsschullehrer/-innen entwickelt. Auch Lernmanagementsysteme und Selbstlernprogramme werden eher selten eingesetzt (BERTELSMANN STIFTUNG 2016, S. 13).
Der Diskurs um OER in der Berufsbildung wird weiterhin eher zögerlich geführt. Im Bericht der Arbeitsgruppe der Länder und des Bundes zu OER formulierten die KMK und das BMBF 2015 Argumente hinsichtlich des Innovationspotenzials von OER auf pädagogischer, organisatorisch-funktionaler, technischer, juristischer und wirtschaftlicher Ebene. Genannter Bericht bietet zudem kurz- und mittelfristige Maßnahmen zur gesicherten Verfügbarkeit, inhaltlichen Qualitätssicherung sowie zur Förderung der Erstellung von OER im Bildungsbereich. Hier wird auf die Ausarbeitung von Potenzialen und Herausforderungen im Hinblick auf die Nutzung von OER verwiesen (KMK/BMBF 2015, S. 5). Darauf aufbauend hat das BMBF zwei Studien in Auftrag gegeben. Mapping OER, durchgeführt von Wikimedia Deutschland, kartografierte die OER-Landschaft in den einzelnen Bildungsbereichen und entwickelte weitere Ansätze zur Implementierung von OER (WIKIMEDIA 2015). Eine Machbarkeitsstudie des Deutschen Bildungsservers (DBS) stellte nötige Infrastrukturen und die unterschiedlichen Bedarfe in den einzelnen Bildungsbereichen in den Mittelpunkt (DEUTSCHER BILDUNGSSERVER 2016).
Mit der Rolle von Onlinenetzwerken sowie frei zugänglichen Bildungsinhalten zur Etablierung einer Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung beschäftigten sich FISCHER/FREUND/SCHWINGE (2015). In einer Publikation zum Erasmus+ Projekt EU-StORe wurden im Rahmen von Experteninterviews ermittelte Qualitätsstandards für OER publiziert sowie die Motivation zur Teilung und Nutzung von OER durch Lehrende an berufsbildenden Schulen von BEUTNER/SCHNEIDER (2015) diskutiert. RÖDEL (2016, S. 1) konstatiert mit einem weiteren Beitrag zu Qualitätssicherung von OER in der Beruflichen Bildung durch „Schwarmintelligenz“ einmal mehr die vergleichsweise geringe Dichte an Publikationen zu diesem Thema im Berufsbildungsbereich im Vergleich zu den restlichen Bildungsbereichen und FISCHER (2016) plädiert in ihrem Beitrag ebenfalls für die Fokussierung des Diskurses auf den Mehrwert von OER für Lehrende in der Aus- und Weiterbildung.
Die im Rahmen der Studie zum bereits unter Punkt 2 genannten Monitor Digitale Bildung Berufliche Ausbildung im Digitalen Zeitalter gesammelten Daten zur Nutzung von OER wurden aufgrund ihrer fehlenden Aussagekraft nicht veröffentlicht, sind jedoch für wissenschaftliche Einrichtungen zur eigenen Auswertung über das GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften zu beziehen. Aktuell wird im Auftrag von UNESCO-UNEVOC im Rahmen einer Studie eine Online-Befragung zu OER in der beruflichen Aus- und Weiterbildung durchgeführt. Die Studie soll Aufschlüsse zur Verbreitung geben sowie Argumente für politische Empfehlungen zur Förderung und Entwicklung von OER in der Beruflichen Aus- und Weiterbildung liefern. Erste Ergebnisse sind Oktober 2017 zu erwarten.
Um die Potenziale und Herausforderungen von OER für den Bereich der Berufsausbildung explorativ zu erörtern, wurden Interviews mit Berufsbildungsexperten und -expertinnen unterschiedlicher Bildungsbranchen durchgeführt. Alle befragten Experten verbinden mit OER vielfältige Potenziale hinsichtlich der Kriterien von OER laut Definition der UNESCO sowie der Kriterien von Offenheit laut Definition nach WILEY.
Für Lehrende steht im Zusammenhang mit offenen Lehr- und Lernmaterialien die Didaktik im Mittelpunkt: Potenziale werden z. B. im Hinblick auf integrierte Lernmethoden wie Flipped-Classroom-Szenarien für standardisierte Lehrinhalte gesehen. Beim Flipped-Classroom (Umgedrehter Unterricht) werden Lerninhalte durch Tutorials zu Hause von den Schülern und Schülerinnen erarbeitet, was u. a. mehr Raum für die Anwendung in der Schule bietet. Aber auch in der Möglichkeit der Aktualisierung bei sich schnell weiterentwickelnden Inhalten werden Potenziale identifiziert. Darüber hinaus könnten OER den Selbstlernprozess der Lernenden durch die eigenständige Erarbeitung und Verarbeitung von Lerninhalten unterstützen.
Sprecher/-innen von Verbänden sind der Meinung, dass von Verbänden frei zur Verfügung gestellte und qualitativ geprüfte, offene Lehr- und Lernmaterialien gelebte Lernortkooperation unterstützen könnten. Auszubildende fungieren hier als Bindeglied zwischen Ausbildungsbetrieb und Berufsschule und gestalten den Lernprozess eigenverantwortlich und erfolgsorientiert mit. Hier könnten OER unterstützend wirken, um Materialien in unterschiedlichen Lernzusammenhängen zu verwenden und die Effektivität von Lernprozessen auch in individuellen Lern-Konzepten wie Blended Learning zu steigern. Beim Blended Learning werden Präsenzphasen durch Online-Phasen ergänzt. OER könnte als kreativitätsförderndes Prinzip die heute noch stark dogmatische Herangehensweise im Rahmen der Ausbildung hin zu einer demokratisierten Form des Handelns formen. Möglichkeiten der Rückmeldung hinsichtlich Nutzen und Akzeptanz der Materialien durch Berufsschullehrende bieten darüber hinaus die Grundlage zur Weiterentwicklung von Materialien. Arbeitsplatzorientierte Lehr- und Lernmaterialien, die unabhängig vom jeweiligen Lernort über mobile Endgeräte einsetzbar sind, würden im Hinblick auf die Nutzung und Verarbeitung von Medien immer wichtiger werden. Ohne die nötigen Strukturen und Netzwerke zur Unterstützung der Zusammenarbeit von Unternehmen und Berufsschulen helfen digitale Medien jedoch nur begrenzt, eine Lernortkooperation zu unterstützen.
Potenziale sehen befragte Experten ebenfalls hinsichtlich des freien Zugangs zu Wissen und der damit verbundenen Bildungsteilhabe. Aber auch die Durchlässigkeit der einzelnen Bildungsbereiche von der Schule in die Ausbildung und darauf aufbauende Studiengänge könnte durch die Möglichkeit der Bearbeitung von Inhalten maßgeblich beeinflusst werden, da durch die Übersetzung von Wissensinhalten und Verknüpfung zwischen Theorie und Praxis die Hürde zu wissenschaftlichen Bezügen gesenkt werden könnte.
Die Bereitschaft zum digitalen Lehren im Zeitalter Industrie 4.0 bedarf neben Fachqualifikationen von Ausbildern/Ausbilderinnen und Lehrenden auch den Möglichkeiten des digitalen Lehrens entsprechender methodisch-didaktischer Kenntnisse sowie Kompetenzen im Umgang mit Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT). Diese müssten bereits in der Lehrerausbildung angegangen werden, konstatieren befragte Experten. Bei der Erstellung, Anpassung und Weiterverbreitung offener Bildungsmaterialien komme die Sorge um Urheberrechtsverletzungen und entsprechende Abmahnungen aufseiten der Lehrenden hinzu. Betriebe sorgten sich um die kommerzielle Ausbeutung der für den eigenen Betrieb erstellten Materialien. Neben der Sensibilisierung und Qualifizierung in Urheber- sowie Nutzungsrechtsfragen sei hier jedoch auch eine klare politische Position nötig. Die notwendigerweise schneller werdende Verbreitung von aktuellen Lernmaterialien werde durch die bis Dato unbefriedigend gelöste Nutzungsrechtsfrage verhindert. Der Bildungsbereich müsse ein Alleinstellungsmerkmal in dieser Thematik erhalten. Bisherige Regelungen reichten hier keinesfalls aus. Aktuell würden die Rechte von Autoren/Autorinnen denen der freien Nutzung gegenübergestellt. Das sei nicht der Kern der Auseinandersetzung, merkt ein befragter Experte an. Das aktuelle Urheberrecht passt nur begrenzt zu den Möglichkeiten der Verbreitung und Anpassung digitaler Medien. Das Bundeskabinett hat am 12. April 2017 den Entwurf des „Gesetzes zur Angleichung des Urheberrechts an die aktuellen Erfordernisse der Wissensgesellschaft“ verabschiedet. Durch die Gesetzesänderung würden die gegenwärtigen Urheberrechtsschranken im Bereich von Bildung und Wissenschaft deutlich erweitert werden. Das Gesetz soll am 1. März 2018 in Kraft treten (BMBJ, Pressemitteilung, 12. April 2017). Jedoch schmälert dies nicht den Konflikt, dem Ausbilder/-innen und Lehrende gleichermaßen gegenüberstehen, wenn zwischen der freien Verfügbarmachung von Bildungsmaterialien und der Veröffentlichung eigenständig erstellter Lehrmaterialien in Zusammenarbeit mit Schulbuchverlagen entschieden werden muss. Daneben müsse die Problematik der Auffindbarkeit auf einen positiven Kosten-Nutzen-Faktor hin weiter erörtert werden. Aktuell wird die Suche nach freien Inhalten aufgrund fehlender OER-Suchmaschinen und OER-Repositorien noch erschwert. Und auch bei der Erstellung freier Inhalte bedürfe es der Unterstützung. Der zeitliche wie finanzielle Aufwand, der hierdurch entsteht, kann nicht allein durch Ausbildungsbetriebe und Berufsschulen getragen werden. Darüber hinaus bedarf es der Entwicklung und Vermittlung entsprechender Methoden und nötiger Strukturen der Qualitätssicherung aufseiten der Lehrenden und Ausbilder/-innen sowie Kompetenzen im Hinblick auf die Beurteilung von Qualität aufseiten der Auszubildenden und Schüler/-innen.
Ohne die hier aufgeführten Incentives sehen befragte Experten eine disruptive Entwicklung hinsichtlich offener Bildungsmaterialien in den nächsten zwei bis drei Jahren jedoch eher verhalten und setzen einen wahrscheinlicheren Entwicklungszeitraum von zehn bis fünfzehn Jahren an.
Quellen
BUNDESMINISTERIUM DER JUSTIZ UND FÜR VERBRAUCHERSCHUTZ (BMBJ): Bundesregierung beschließt neues Urheberrecht zur Förderung von Bildung und Wissenschaft, Pressemitteilung vom 12. April 2017, URL: http://www.bmjv.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2017/04122017_Urheber_Wissenschafts_Gesetz.html (Stand 10.07.2017)
Literatur
BERTELSMANN STIFTUNG: Monitor Digitale Bildung ? Berufliche Ausbildung im digitalen Zeitalter, 2016, URL: https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/Studie_Monitor-Digitale-Bildung_Berufliche-Ausbildung-im-digitalen-Zeitalter_IFT_2016.pdf (Stand 15.03.2017)
BEUTNER, Marc; SCHNEIDER, Jennifer N.: Open Educational Resources in der aktuellen Bildungslandschaft: Motivation zur Teilung und Nutzung. In: Kölner Zeitschrift für Wirtschaft und Pädagogik 29 (2015) 58, S. 3-31
DEUTSCHER BILDUNGSSERVER: Machbarkeitsstudie zum Aufbau und Betrieb von OER-Infrastrukturen in der Bildung (Stand: Februar 2016), 2016, URL: http://www.pedocs.de/volltexte/2016/11715/pdf/OER_Machbarkeitsstudie_Bericht.pdf (Stand 06.03.2017)
FISCHER, Andreas; FREUND, Eva; SCHWINGE, Christiane: Lesson Sharing – Unterrichtsmaterial teilen im digitalen Zeitalter. In: Berufsbildung Zeitschrift für Praxis und Theorie in Betrieb und Schule 69 (2015) 155, S. 38 – 40
FISCHER, Monika: OER und ihr Nutzen für die Bildungspraxis: I`m sexy, but you don`t know it!, Blog „Aus- und Weiterbildung, 2016, URL: https://blog.aus-und-weiterbildung.eu/oer-und-ihr-nutzen-fuer-die-bildungspraxis-im-sexy-but-you-dont-know-it/ (Stand 17.03.2017)
GENSICKE, Miriam u. a.: Digitale Medien in Betrieben – heute und morgen. Eine repräsentative Bestandsanalyse. Bundesinstitut für Berufsbildung, Bonn 2016, URL: https://www.bibb.de/veroeffentlichungen/de/publication/show/8048 (Stand 19.03.2017)
KULTUSMINISTERKONFERENZ (KMK) UND BUNDESMINISTERIUM FÜR BILDUNG UND FORSCHUNG (BMBF): Bericht der Arbeitsgruppe aus Vertreterinnen und Vertretern der Länder und des Bundes zu Open Educational Resources (OER), 27.01.2015, URL: http://www.bildungsserver.de/pdf/Bericht_AG_OER_2015-01-27.pdf (Stand 09.03.2017)
RÖDEL, Bodo, „Schwarmintelligenz“ auf den Markt bringen: Qualitätssicherung in der beruflichen Bildung, URL: http://mapping-oer.de/themen/qualitaetssicherung/schwarmintelligenz-auf-den-markt-bringen-qualitaetssicherung-in-der-beruflichen-bildung/ (Stand 06.03.2017)
WIKIMEDIA DEUTSCHLAND E.V. – GESELLSCHAFT ZUR FÖRDERUNG FREIEN WISSENS: Mapping OER, Bildungsmaterialien gemeinsam gestalten, Ist-Analyse zu freien Bildungsmaterialien (OER) in Deutschland in den Bildungsbereichen Schule, Hochschule, berufliche Bildung und Weiterbildung im Juni 2015, September 2015, URL: http://l3t.eu/oer/images/band10.pdf (Stand 06.03.2017)
Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name der Urheberin soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Susanne Grimm, Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) für OERinfo – Informationsstelle OER.Für Lehrende steht im Zusammenhang mit offenen Bildungsmaterialien die Didaktik im Mittelpunkt. Potenziale sehen Bildungsexperten z.B. im Hinblick auf integrierte Lernmethoden wie dem Flipped-Classroom-Szenarium für standardisierte Lehrinhalte. Beim Flipped-Classroom (Umgedrehter Unterricht) werden Lerninhalte durch Tutorials zu Hause von den Schülerinnen und Schülern erarbeitet, was u. a. mehr Raum für die Anwendung in der Schule bietet.
Auch die individuelle Vorbereitung jedes einzelnen Schülers kann dadurch gefördert werden. Nicht alle Schülerinnen und Schüler haben das Selbstvertrauen im Frontalunterricht vermitteltes Wissen direkt zu hinterfragen. In der Vorbereitung können sie entsprechende Videostellen beliebig wiederholen, Fragen formulieren und nach zusätzlichem Material recherchieren.
Auf Youtube ist für die eigenständige Didaktik beruflicher Fachrichtungen wie z.B. für den Fachbereich Wirtschaft und Verwaltung oder Gesundheit und Pflege bereits eine Fülle an Erklär-Videos zu finden. Unter der erweiterten Suchfunktion lässt sich hier auch nach frei lizenziertem Material suchen. Die Suche nach dem benötigten Inhalt sowie die Beurteilung der Qualität der einzelnen Materialien erfordert jedoch noch viel Zeit.
Kostenpflichtige Verlagsmedien sind bei Inhalten, die einem immer rascher werdenden Wandel unterliegen, schnell veraltet. Die Anschaffung aktuellerer Medien übersteigt schnell das bereits knappe Budget vieler Schulen. Offene Bildungsmaterialien bieten nicht nur den freien Zugang und die kostenlose Nutzung digitaler Medien. Sie dürfen aufgrund ihrer freien Lizenz darüber hinaus verändert und aktualisiert werden. Kostspielige Neuauflagen von Lehrbüchern entfallen damit.
Lerngruppen sind gerade in der beruflichen Bildung häufig sehr heterogen. Dies erfordert eine Binnendifferenzierung und Individualisierung durch den Lehrenden, was viel Zeit und Engagement auf Seiten der Lehrenden in Anspruch nimmt. Das Prinzip der offenen Bildungsmaterialien baut auf der Anpassung bereits bestehenden Materials und der weiteren Nutzung durch Dritte auf. Dabei teilen Lehrende ihre selbst erstellten oder angepassten Materialien mit Kolleginnen und Kollegen, z.B. über Online-Plattformen. Dies führt zu einer gegenseitigen Bereicherung. Insbesondere für Fachdidaktiker unterschiedlichster Fachrichtungen, die in ihrem eigenen Kollegium nicht den entsprechenden Austausch finden, können sich hier durch einen erweiterten Austausch neue Möglichkeiten ergeben.
Bei offenen Bildungsmaterialien dürfen unterschiedliche Quellen miteinander verknüpft werden. So können sie den Selbstlernprozess der Lernenden durch die eigenständige Erarbeitung und Verarbeitung von Lerninhalten fördern. Die Erstellung von Wiki-Beiträgen kann z.B. die Reproduktion und Restrukturierung von Erlerntem unterstützen. Bei der Suche nach zusätzlichem Material oder etwa der Angabe von Quellen muss der Lernende zudem die Qualität der Materialien selbst hinterfragen. Hierfür benötigen Lernende Unterstützung. Als Arbeitsauftrag in Form einer Gruppenarbeit kann dies auch die Zusammenarbeit fördern.
Betriebe vermitteln im Rahmen der dualen Ausbildung, die als wichtiger Wirtschafts- und Standortfaktor gilt, handlungsorientiertes Wissen für die Berufspraxis. Jedoch werden auch hier, je nach Lernort, Größe der Betriebe und Unternehmen und in Abhängigkeit nötiger und wachsender Theorieanteile Lehrmaterialien, z.B. unter Einbezug der Leittextmethode, erstellt. (SCHELTEN, S. 66). Die Einbeziehung der Auszubildenden in die Erstellung und Weiterentwicklung dieser Materialien kann identitätsfördernd wirken und der jeweilige Betrieb, das jeweilige Unternehmen kann an Image gewinnen. Insbesondere für formal geringer qualifizierte Auszubildende mit Hauptschulabschluss, da diese digitalen Lernmedien generell aufgeschlossener und motivierter gegenüberstehen. (BERTELSMANN STIFTUNG, S. 15 f.)
OER könnten eine bereits institutionalisierte und gelebte Kooperation dieser Lernorte nach Meinung von Bildungsexperten unterstützen. Durch die Transparenz, die offene Bildungsmaterialien bieten, wären Betriebe und berufsbildende Schulen immer auf dem neuesten Stand was die Anwendung von Lehrmitteln anbelangt. Auch Innovationen wie ökonomisch und technisch-produktive Änderungen in den Betrieben könnten so schneller in die Ausbildung getragen werden. Die Möglichkeiten der Anpassung und Weiterentwicklung von OER könnten zudem die Zusammenarbeit der Lernorte unterstützen, da diese ihre Materialien nicht nur organisatorisch, sondern auch inhaltlich besser aufeinander abstimmen könnten.
Literatur
BERTELSMANN STIFTUNG: Monitor Digitale Bildung – Berufliche Ausbildung im digitalen Zeitalter, 2016, URL: https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/Studie_Monitor-Digitale-Bildung_Berufliche-Ausbildung-im-digitalen-Zeitalter_IFT_2016.pdf (Stand 10.10.2017)
SCHELTEN, Andreas, Einführung in die Berufspädagogik, Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 2004, ISBN 3-515-08440-1
Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name der Urheberin soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Susanne Grimm, Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), für OERinfo – Informationsstelle OER.Die Erstellung zusätzlichen Materials ist den Lehrenden an berufsbildenden Schulen nicht fremd. Auch der Austausch über gutes Lehrmaterial und die gemeinsame Qualitätsbeurteilung „mit den Füßen“ ist nichts Neues.
Auch OER können kollaborativ erstellt werden. Dies geht jedoch weit über das eigene Kollegium hinaus. Gerade bei fachspezifisch Lehrenden, die im eigenen Kollegium kaum Austausch finden, bietet der Austausch auch außerhalb des eigenen Kollegiums großes Potenzial. Inhalt und Methodik können durch den gemeinsamen Austausch immens erweitert werden. Darüber hinaus sehen viele Augen mehr als zwei! Durch die Öffnung des eigenen Materials bleiben „Fehler“ im Material nicht mehr im Klassenzimmer.
Warum nicht auch einmal den Lernenden oder Auszubildenden in die Produktion von Materialien mit einbeziehen. Die Erstellung von Erklärvideos auch durch Auszubildende selbst z.B. als Arbeits-/Lernauftrag wird immer öfter auch in Betrieben in Betracht gezogen. Durch eine freie Lizenzierung kann dieses Material einem breiteren Publikum angeboten und weiterentwickelt werden.
Von freien Inhalten über Arbeitsblätter bis zum Erklärvideo. Die im Folgenden gelisteten Autorentools sollen Ihnen Impulse für die eigenständige Erstellung von OER unterschiedlichster Medienformen bieten.
Wikis bieten nicht nur freie Inhalte zur Erweiterung des eigenen Materials. Inhalte auch gemeinsam mit Lernenden und Auszubildenden zu schaffen ist am einfachsten über Wikis. Die inhaltliche Erarbeitung von Wikis z.B. als Einzel- oder Gruppenarbeit für Lernende eingesetzt, kann den Selbstlernprozess unterstützen. Bereits Erlerntes wird rekapituliert, erweitert, neu geordnet und wiedergegeben. Natürlich müssen die Lernenden bei der Erstellung begleitet werden, um ihnen geeignete Methoden der Qualitätsbeurteilung an die Hand zu geben.
Zur Erstellung des immer noch beliebtesten Mediums im Unterricht bietet tutory neben einem mittlerweile reichen Fundus an Arbeitsblättern, auch einen Arbeitsblatt-Editor. Mit diesem Editor lassen sich nicht nur bereits bestehende Arbeitsblätter schnell an die jeweiligen Bedürfnisse anpassen. Selbstverständlich lassen sich über diesen Editor auch eigene Arbeitsblätter schnell und einfach erstellen und zur freien Verfügung stellen. Hier können Sie auch direkt auf freies Bildmaterial zugreifen und in Ihr Arbeitsblatt integrieren.
H5P ist eine freie und quelloffene Software zum Erstellen von interaktiven Lehr- und Lernmaterialien. Die hier angebotenen Medienformen wie Videos oder Präsentationen mit Quiz-Aufgaben, Timelines oder Memory sind miteinander kombinierbar. Die auf der Website erstellten Materialien werden anschließend über einen Code in den Quelltext des eigenen Blogartikels eingefügt oder auch über ein Plug-in WordPress, Moodle oder Drupal integriert.
Über LearningApps können kleine interaktive und multimediale Bausteinen erstellt und in Lerninhalte eingebunden werden. Für die Bausteine (Apps genannt) steht eine Reihe von Vorlagen (Zuordnungsübungen, Multiple Choice-Tests etc.) zur Verfügung. Die Apps stellen keine abgeschlossenen Lerneinheiten dar, sondern müssen in ein Unterrichtsszenario eingebettet werden.
Azubinet bietet neben den plattformeigenen Materialien Autorentools zur Erstellung eigener Übungsaufgaben und Prüfungssimulationen zur Vorbereitung auf Zwischen- und Abschlussprüfungen. Auszubildende können hier mit entsprechendem Arbeitsauftrag eigenständig Wiki-Beiträge, Lernkarten oder Erfahrungsberichte zu bereits abgelegten Prüfungen erstellen, die von nachfolgenden Jahrgängen genutzt werden können.
Ihre eigenen oder erweiterten Inhalte letztendlich als OER einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen ist denkbar einfach. Jedoch sind auch hier einige wichtige Aspekte zu beachten:
Über die untenstehenden Buttons finden Sie weitere Informationen zum Thema OER herstellen, z.B. in Form von Handlungsanleitungen & Leitfäden, wie dem Leitfaden zur Erstellung eigener Unterrichtsmaterialien für Lehrende an berufsbildenden Schulen. Er bietet grundlegende Informationen zum Urheberrecht sowie Informationen zur Erstellung und Entstehung freier Inhalte durch die Vergabe von offenen Lizenzen in kompakter Form. Auch ein kurzer Einstieg in die Suche nach freien Inhalten wird geboten. Anhand von Fallbeispielen werden urheberrechtliche Zusammenhänge geschildert, die beim Erstellen eigener Unterrichtsmaterialien zu beachten sind.
Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name der Urheberin soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Susanne Grimm, Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), für OERinfo – Informationsstelle OER.