In diesem Blogbeitrag möchten wir eine spielerische Möglichkeit der Beschäftigung mit Open Education (OE) skizzieren. Dazu stellen wir ein Workshopkonzept vor, in dessen Mittelpunkt ein „Brettspiel“ steht: das Open-Education-Diamant-Spiel, welches 23 Gründe für Open Education vorschlägt. Zunächst beschreiben wir das Workshop-Konzept, zu dem alle Materialien auch online unter einer CC-Lizenz verfügbar sind. Anschließend gehen wir ins Gespräch mit Personen, die etwas zu den Hintergründen der Entstehung und ihren Erfahrungen bei der Durchführung erzählen.

Ein Beitrag von Dr. Magdalena Spaude
Beschreibung des Open-Education-Diamant-Spiels
Erfinder des Open-Education-Diamant-Spiels ist der UNESCO-Lehrstuhl RELIA (Ressources Éducatives Libres et Intelligence Artificielle, Übersetzung: Offene Bildungsmaterialien und Künstliche Intelligenz) an der Université Nantes (Frankreich) unter der Leitung von Colin de la Higuera, Professor für Informatik. Die Materialien für das Spiel sind in mehreren Sprachen verfügbar, darunter auch Deutsch, und stehen unter der Lizenz CC BY 4.0. Das Spiel wurde inzwischen viele Mal im Rahmen von verschiedenen Workshops durchgeführt, unter anderem von Erwan Louërat beim 5-jährigen Jubiläum der europäischen Hochschulallianz EUniWell in Köln.
Das Brettspiel besteht zum einen aus 23 Karten, die jeweils einen Grund für Open Education darstellen, z. B. Wissen teilen, Kosten senken, Zusammenarbeit fördern, Qualität steigern. Diese 23 guten Gründe für Open Education wurden in 23 Blogartikeln (Englisch, teilweise andere Sprachen) während der Open Education Week 2025 vertiefend beschrieben. Dazu gibt es 6 Rollenkarten. Diese stellen Personen dar, die für die Hochschulbildung eine wichtige Rolle spielen: Studierende, Lehrende (einmal zurückhaltend und einmal enthusiastisch), Bibliothekar*innen, Leitungsposition (z. B. Institut oder Hochschulleitung) und Leitung (Bildungs-)Ministerium. In der Mitte des Spielplans befinden sich 9 Felder, die in Form eines Diamanten in fünf Zeilen angeordnet sind. Auf diese 9 Felder sollen 9 der 23 Gründe für Open Education verteilt werden. Die fünf Zeilen haben jeweils eine Bedeutung, die auf dem Spielplan beschrieben ist:
- 1. Zeile: grundlegend
- 2. wichtig
- 3. neutral
- 4. riskant
- 5. hinderlich
Zudem gibt es ein Feld, auf das eine Rollenkarte gelegt werden soll.
Spielverlauf
Das Spiel wird von einer Gruppe aus z. B. 4-6 Personen gespielt und dauert ca. 30 Minuten. Die Gruppe wählt zunächst eine für sie passende Rollenkarte aus und platziert diese auf dem dafür vorgesehenen Feld. Anschließend müssen die Teilnehmenden basierend auf den 23 Gründen eine Argumentationsgrundlage aus 9 Karten (= Gründen) erstellen, um die ausgewählte Person (die Rolle) davon zu überzeugen, offene Bildung zu fördern. Dabei stufen sie die neun Gründe von den wirkungsvollsten (Zeilen 1 und 2) bis zu denen, die von der Person möglicherweise abgelehnt werden könnten (Zeilen 4 und 5), ein. Dieser Ansatz sorgt für lebhafte Diskussionen und Debatten mit dem Ziel, eine gemeinsame Einigung über die Rangfolge der neun Karten zu erzielen.
Die Workshopleitung kann entscheiden, ob sie den Teilnehmenden alle 23 Karten zur Verfügung stellt oder eine Auswahl. Bewährt hat sich die zweite Methode, um den Zeitbedarf für das Spiel etwas eingrenzen zu können. Die restlichen Karrten können sich die Teilnehmenden z. B. nach dem Workshop anschauen, wenn ihnen alle Materialien zur Verfügung gestellt werden.
Rahmenkonzept für einen OE-Workshop
Ein Workshop, in den das OE-Diamant-Spiel integriert ist, kann je nach Teilnehmendenzahl zwischen einer und zwei Stunden dauern. Der Workshop kann mit einer Vorstellungsrunde der Teilnehmenden beginnen, wobei diese auch über ihre Vorkenntnisse und Erfahrungen zu OE berichten. Anschließend kann eine Input-Phase erfolgen, die entweder das Konzept von OE vorstellt und/oder die OE-Projekte der eigenen Einrichtung. Alternativ kann eine OE-erfahrene Lehrkraft der eigenen Einrichtung, eventuell zusammen mit Lernenden, von ihren Erfahrungen berichten und ihre Perspektive teilen. Sicherlich gibt es hier viele Möglichkeiten, die an den Anlass und die Zielgruppe angepasst werden können.
Den zweiten Block bildet das OE-Diamant-Spiel, an dem im besten Fall mehrere Gruppen teilnehmen. Sie erhalten jeweils ein Materialset und wählen dann (hoffentlich) unterschiedliche Rollenkarten als Gruppe aus. Wie oben bereits erwähnt sollten für das Spiel ca. 30 Minuten eingeplant werden.
Im dritten Block stellen die Gruppen nacheinander ihre Lösungen vor, indem sie die Auswahl der Karten begründen, aber auch darstellen, wo es eventuell viel Diskussionsbedarf gab. Zum Abschluss können die Teilnehmenden beispielsweise in einer kurzen mündlichen Feedbackrunde ihre wichtigste Erkenntnis aus dem Workshop mit der Gruppe teilen. Die Spielpläne können zwecks Dokumentation fotografiert und den Teilnehmenden digital zur Verfügung gestellt werden.
Interview mit Colin de la Higuera und Erwan Louërat zur Entstehungsgeschichte und Erfahrungen mit der Durchführung
Herr de la Higuera, Ihr Lehrstuhl hat das OE-Diamant-Spiel entwickelt. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?
Fairerweise muss man sagen, dass die Diamant-Methode eine gut dokumentierte Aktivität ist, die bereits in ganz unterschiedlichen Kontexten eingesetzt wurde. Ich hatte das Glück, sie bei einem Symposium des Europarats zu einem ganz anderen Thema (KI und Demokratie) erfahren zu dürfen. Ich war damals überrascht, wie die Notwendigkeit, Prioritäten zu setzen, zu interessanten Debatten und Gesprächen führte. Also haben wir die Methode an den Kontext von OER und dann allgemeiner an offene Bildung angepasst. Wir haben mit nur 9 Karten begonnen und haben jetzt 23! Sie wurde in ein halbes Dutzend Sprachen übersetzt, und ich durfte es glücklicherweise an sehr unterschiedlichen Orten wie Uruguay oder den Philippinen durchführen. Und das immer mit viel Spaß und Interesse. [CdlH]
Gab es in den ersten Versionen des Spiels Regeln oder Dinge, die nicht so funktioniert haben, wie Sie sich das vorgestellt haben? Welche? Und wie haben Sie das verändert?
In der ersten Version gab es keine festgelegte Rolle. Daher antworteten die Teilnehmenden mit „Es kommt darauf an“. Wir haben die Rollen eingeführt, um gezieltere Gespräche zu ermöglichen. Es lohnt sich immer, eine Rolle zu übernehmen, mit der man interagieren muss, die aber nicht die eigene ist. In Quebec hatte ich einmal eine Gruppe von Bibliothekaren, die die Rolle von Lehrkräften übernahmen. Es war sehr lehrreich zu hören, wie sie sich die Antwort einer Lehrkraft vorstellten! [CdlH]
Und wir würden natürlich gern von Ihnen wissen, ob Sie unter den 23 Gründen einen Lieblingsgrund für OE haben? Es dürfen auch gern zwei sein. 😊
Ich denke, der Grund, für den ich mich ausspreche, ist die nachhaltige Bildung. Aber Vorsicht, es gibt hierfür zwei Karten im Spiel. Die eine betont die wichtige Frage der Nachhaltigkeit, beispielsweise in Bezug auf Energiefragen. Die andere besagt, dass wir uns eine nachhaltige Bildung wünschen, die von Dauer ist. Was wir heute lernen, sollte nicht schon am Tag nach der Prüfung veraltet sein! Manche halten das für selbstverständlich, aber ich glaube, dass wir ein sehr kurzzeitiges Bildungssystem aufgebaut haben. Da ich eine zweite Karte auswählen darf, entscheide ich mich für „Fake von Wahrheit trennen”. Kürzlich veröffentlichte die Presse einen Artikel, in dem berichtet wurde, dass man 8-jährigen Kindern solche Dinge beibringt. Ich kann verstehen, wie man das in Finnland macht, weil das Bildungssystem dort so anders ist. Aber mir würde es vor solchen Unterrichtsstunden in anderen Ländern grauen, wo dies nur von „oben“ verordnet würde. [CdlH]
Herr Louërat, Sie haben das Spiel schon mehrmals als Workshopleiter durchgeführt. Was gefällt Ihnen bei diesem Konzept der Beschäftigung mit Open Education aus der Perspektive eines Workshopleiters am besten?
Ich glaube, dass offene Bildung an sich nicht schwer zu verstehen ist, aber bei Sensibilisierungsveranstaltungen kann man leicht zu sehr in komplexe und technische Details verfallen. Dieser Workshop hilft, das zu vermeiden, indem er ein gutes Gleichgewicht zwischen den Inputs des Moderators / der Moderatorin zum Thema OE und genügend Zeit für die Teilnehmenden schafft, um darüber nachzudenken und es anhand ihrer eigenen Erfahrungen und Empfindlichkeiten, der Diskussionen innerhalb ihrer Gruppe und der abschließenden Plenardiskussion zu verstehen.
Darüber hinaus ist das Spiel so konzipiert, dass es von einem breiten Publikum gespielt werden kann. Ich hatte die Gelegenheit, diesen Workshop mit Teilnehmenden mit unterschiedlichem Hintergrund durchzuführen, darunter verschiedene Berufsprofile (akademisches und administratives Personal) sowie unterschiedliche nationale und kulturelle Hintergründe. Es ist immer sehr schön, ihnen einen Raum zu bieten, in dem sie sich treffen und gemeinsam diskutieren können, und die unterschiedlichen Perspektiven zu beobachten, die dabei zum Vorschein kommen. Indem wir die Teilnehmenden in kleine Gruppen aufteilen, möchten wir auch sicherstellen, dass jeder die Möglichkeit hat, sich zu äußern. [EL]
Was denken Sie, was den Teilnehmenden, den Spielenden, am besten gefällt? Oder was für Reaktionen haben Sie beim Spielen beobachtet?
Über die Auseinandersetzung mit offener Bildung hinaus, regt dieser Workshop die Teilnehmenden dazu an, über den aktuellen Stand unserer Bildungssysteme und deren grundlegenden Werte nachzudenken. Ich glaube, die Teilnehmenden schätzen es, dass ihnen diese Zeit zur Verfügung steht, um gemeinsam über diese Themen zu diskutieren, ihre eigenen Erfahrungen und Gedanken auszutauschen und denen der anderen zuzuhören.
Während das Spiel vorgestellt wird, sind die Teilnehmenden nach einer kurzen Einführung in OE in der Regel zunächst etwas verwirrt, bevor sie mit dem Ziel und den Karten vertraut werden. Das geht dann schnell in lebhafte Gespräche und manchmal sogar in hitzige Debatten über, aber immer in einer positiven und freundlichen Atmosphäre! [EL]
Und auch an Sie als letzte Frage, was für einen Lieblingsgrund für OE haben Sie?
Das ist eine schwierige Frage! Aber ich würde sagen: „Wissen teilen”. Das ist ziemlich direkt, aber was mir daran gefällt, ist seine Doppelnatur. Offene Bildung ermöglicht den Austausch von Wissen über geografische, institutionelle oder soziale Grenzen hinweg. Durch offene Bildungsressourcen kann ich mein eigenes Fachwissen einbringen, aber ich kann auch von anderen lernen, jederzeit und von überall, ohne Einschränkungen aufgrund ihrer Person oder Herkunft. Für mich ist dieser einfachere Zugang zu anderen Perspektiven, Wissensformen und Praktiken äußerst wichtig als auch wertvoll. [EL]
Wir danken Ihnen beiden für die Einblicke und natürlich für diese wunderbare Idee. Wir sind sehr gespannt, welche Rückmeldungen wir aus der deutschen OE-Community bekommen.
[Hinweis: Das Interview wurde auf Englisch geführt.]
Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Dr. Magdalena Spaude, Universität zu Köln für OERinfo – Die Informationsstelle OER