Wie kann ich als Lehrende/r OER gewinnbringend einsetzen?

Offene Bildungsressourcen (Open Educational Resources, OER) bieten die Chance, Lehren und Lernen zu verbessern. Auch als Lehrender kann man durch die Öffnung der eigenen pädagogischen Praxis über das bloße Material hinaus profitieren. Dieser Text gibt Impulse dazu indem er das Konzept der Offenen Bildungspraktiken (Open Educational Practices, OEP) bzw. der Offenen Pädagogik vorstellt.

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Jan Koschorreck
Jan Koschorreck

Wissenschaftlicher Mitarbeiter Deutsches Institut für Erwachsenenbildung
koschorreck[at]die-bonn.de

Open Educational Practices und Offene Pädagogik – was steckt dahinter?

Offene Pädagogik bezeichnet alle Handlungen von Lehrenden, die auf eine Verbesserung der eigenen Bildungspraxis durch deren Öffnung abzielen. OEP drehen sich um die Herstellung von Rahmenbedingungen, welche die Verwendung, Gestaltung und Management von Offenen Bildungsressourcen fördern. Offene Bildungspraktiken werden als Teil von Offener Pädagogik verstanden (vgl. Hegarty 2015).

Nach der Etablierung des Konzepts der Offenen Bildungsressourcen im Verlauf eines UNESCO-Forums 2002 und dem Erstarken der OER-Bewegung in den Folgejahren mit der Kapstadter Erklärung 2007 und dem ersten OER-Weltkongress der UNESCO 2012 fokussierte die Diskussion um OER – über die bloße Materialperspektive hinaus – zunehmend auf die Frage, welche Praktiken besonders geeignet sind, um die Verwendung und Verbreitung von OER zu fördern (vgl. Camilleri, Ehlers & Conole, 2011). Wie auch die Begriffe OER und OEP zuvor ist der Begriff der Offenen Pädagogik eng mit stark etablierten Bewegungen wie Open Access, Open Data und Open Source verbunden.
Im Zusammenhang mit der Frage danach, wie förderliche Rahmenbedingungen für OER geschaffen werden können, entwickelte sich der Begriff der Open Educational Practices (OEP)

  • bezeichnen strategische Maßnahmen auf verschiedenen Ebenen (Bildungspolitik, Bildungseinrichtungen, Lehrpersonal, Lernende).
  • umfassen bspw. die Einführung von institutioneller Regelungen und innovativer pädagogischer Modelle sowie konkreter, offener Lernpraktiken (vgl. Ehlers, 2011).

Im Zusammenhang mit OEP wurden von Beginn an pädagogische Aspekte stark diskutiert, der Übergang zum Begriff der Offenen Pädagogik ist fließend (vgl. Hegarty, 2015). Letzterer ist zwar immer noch eng mit den grundlegenden Prinzipien von OER verbunden, hat aber weniger als OEP allgemeine Rahmenbedingungen im Fokus. Stattdessen stellt Hegarty allgemeiner die Öffnung von Pädagogik in verschiedenen Dimensionen in den Mittelpunkt und definiert Offene Pädagogik anhand von acht Eigenschaften (ebd., S.5, Übersetzung u. Einfügung JK):

  1. „Einsatz von (mobilen) Technologien zur Förderung von Teilhabe
  2. Entwicklung von Offenheit, Zuversicht und Vertrauen im gemeinsamen Umgang
  3. Ermutigung zu spontaner Innovation und Kreativität
  4. Freies Teilen von Ideen und Ressourcen für die Verbreitung von Wissen
  5. Teilnahme an einer […] Gemeinschaft von Professionellen
  6. Förderung von Beiträgen durch Lernende in Form von OER
  7. Beteiligung an Möglichkeiten zur Reflexion der eigenen Praxis
  8. Mitwirkung an der kritischen Diskussion [eigener/] fremder Lehre“

Dabei haben der Einsatz digitaler Technologien sowie die Verwendung, Produktion und Veröffentlichung von OER seitens der Kursleitenden wie der Teilnehmenden einen hohen Stellenwert.
Mit den oben genannten Aspekten ist das Thema stark auf der Ebene der Gestaltung von Lehr-/Lernangeboten verortet. Deren Umsetzung erfordert von Kursleitenden einerseits eine Übersetzung in konkrete Maßnahmen und Handlungen bei der eigenen Kursplanung. Darunter sind viele Punkte, die Praktikerinnen und Praktiker in der Erwachsenenbildung schon länger bekannt sind oder von ihnen diskutiert werden, die aber in Kombination mit Offenen Bildungsressourcen weiteres Gewicht erhalten.

Was bedeutet das für den Einsatz von OER in der Lehre?

Es ist schon lange akzeptiert, dass ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Lernenden und Kursleitung und Selbstbestimmtheit im Lernprozess zum Lernerfolg und der Zufriedenheit der Teilnehmenden beiträgt. Auch das schon länger akzeptierte Prinzip der Teilnehmerorientierung wird ohne ein Mindestmaß an Offenheit seitens der Kursleitenden schwierig umzusetzen sein. Um Beiträge von Teilnehmenden zu fördern, eignen sich insbesondere konstruktivistische (z.B. Scaffolding) bzw. erarbeitende Methoden mit hohen kommunikativen Anteilen für Partner oder Gruppen, wie z.B. Planspiele, Collagen und Fallbesprechungen. Dabei können die Ergebnisse daraus als OER unter freier Lizenz veröffentlicht werden.

Um die Teilhabe zu fördern, ist es beispielsweise eine Überlegung wert, den Teilnehmenden das Mitbringen von eigenen Geräten zu erlauben oder die Einrichtung eines Mailverteilers bzw. einer Facebook-Gruppe zu vereinbaren. Für zeitlich umfangreichere Angebote können technisch versiertere Kursleitende in Betracht ziehen, Möglichkeiten der Telepräsenz (z.B. als Livestream) anzubieten, damit auch Menschen teilnehmen können, die nicht die Mittel haben um vor Ort zu sein. Neben den Rahmenbedingungen können selbstverständlich auch passende Methoden auch in diesem Punkt die Teilhabe fördern, etwa das gemeinsame Verfassen eines Blogs als OER oder die Erarbeitung von Themen in einem Wiki.

Auch Lehrende sind gefragt!

Insbesondere die Punkte 4, 7 und 8 richten sich eher an Lehrende selbst. Für die Umsetzung dieser Aspekte braucht es die Weiterentwicklung des eigenen professionellen Selbstbildes. So sollen Lehrende professionelles Handeln und ihre Lehrmaterialien anderen zugänglich machen, um sie gemeinsam zu diskutieren (i.S. eines „Peer Review für Lehrende“). Dazu empfiehlt sich die Beteiligung an einer Gemeinschaft von Praktikern (Community of Practice) entweder vor Ort oder mittels digitaler Technologien (etwa Materialtauschbörsen, soziale Netzwerke oder in einem Webforum). Idealerweise entsteht so ein wechselseitiges und respektvolles Geben und Nehmen, von dem alle Beteiligten profitieren.

Fazit

Der begriffliche Diskurs um OEP und Offene Pädagogik scheint im Vergleich zum Diskurs um Offenen Bildungsmaterialien deutlich weniger prominent. Der hier präsentierte Vorschlag von Hegarty bleibt an vielen Stellen unscharf und wenig konkret; dies ist eine Tatsache, die er selbst anspricht. Die Forderungen, die das Konzept an Lehrende stellt, können Vorbehalte und Unbehagen auszulösen, was leicht nachvollziehbar ist. Für die zukünftige Entwicklung der Bewegung um Offene Bildungsmaterialien scheint es deshalb lohnend, ja zwingend, die Herausforderungen für den pädagogischen Prozess und das professionelle Selbstverständnis der Lehrenden aktiver zu diskutieren und zu bearbeiten.

Quellen:

Camilleri, A. F.; Ehlers, U.-D. & Conole, G. (2011). Mainstreaming Open Educational Practice: Recommendations for Policy. European Foundation for Quality in e-Learning.

Ehlers, U.-D. (2011). Extending the territory: From open educational resources to open educational practices. Journal of Open, Flexible and Distance Learning, 15(2), [1–10].

Hegarty, Bronwyn (2015). Attributes of Open Pedagogy: A Model for Using Open Educational Resources. Educational Technology, 55(4), 3-13.


Creative Commons LizenzvertragDieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden:
Jan Koschorreck, Deutsches Institut für Erwachsenenbildung (DIE), für OERinfo – Informationsstelle OER.





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