Offene Bildungsressourcen im Museum: Stimmen aus Frankfurt im Interview

Beim Begriff „Museum“ denken wohl die meisten Menschen zuerst an einen Ort voller Exponate, die in unterschiedlicher Weise präsentiert und eigenständig oder in Führungen betrachtet werden können. Aber Museen sind viel mehr als nur Ausstellungsstätten. Sie sind Bildungsorte, die den steigenden Ansprüchen der Gesellschaft, z.B. durch den digitalen Wandel, entgegenkommen müssen. In Frankfurt am Main entwickeln deshalb einige Museen inzwischen eigene offene Bildungsressourcen, um das gesammelte und im Museum vermittelte Wissen noch einfacher zugänglich, sichtbar und gemeinschaftlich weiterentwickelbar zu machen. Im Rahmen der Aktionswochen des Deutschen Bildungsservers zum Thema „Lernumwelten“ haben wir mit Vertreter*innen Frankfurter Museen über ihren Weg zur Bereitstellung von OER gesprochen.

Comic-Illustration mit Menschen unterschiedlichen Alters in einem Museum mit Tablets, Büchern, VR-Brille, Globus, Dinosaurierskelett, Pharaonenmaske und antiker Statue, darüber Schriftzug 'Open Education in Museen'
Offene Bildungsressourcen in Museen. Illustration: Angela Karnoll via chatGPT, KI-generiert, gemeinfrei

Ein Beitrag von Susanne Gesser, Christine Kolbe, Franziska Mucha und Ana Karaminova

Wie sind Sie im Museum auf die Idee gekommen, eigene Open Educational Resources (OER) zu entwickeln? Gab es einen besonderen Auslöser oder Aha-Moment?

 

Historisches Museum:

Für das Grundschulmaterial „Kennst du Frankfurt?“ war tatsächlich ein zur Unkenntlichkeit kopiertes Arbeitsblatt aus einer Frankfurter Schule der Anlass zu sagen: das können wir besser!
Aber grundsätzlich ist die Idee des offenen Zugangs im Historischen Museum Frankfurt im Leitbild und in der digitalen Strategie fest verankert. Die ersten Anregungen zu offen-lizenzierten kulturellen Bildungsangeboten kamen aus der Bewegung Open GLAM (GLAM steht für Galleries, Libraries, Archives, Museums) – ein loser Zusammenschluss von Kolleg*innen, die unter dem Motto „Sharing is caring“ Sammlungsdaten zur kreativen Weiternutzung freigegeben. Aber wer sind die Nutzer*innen dieser Angebote? Als außerschulischer Lernort hat das Historische Museum Frankfurt die 100.000 Frankfurter Schüler*innen und 74.000 Studierenden zwischen 8-21 Jahre im Blick und entwickelt und unterbreitet für sie viele unterschiedliche Angebote. Die zahlreichen digitalen Angebote, die zu einzelnen Anlässen oder Ausstellungen entstanden, sollten nachhaltig find- und nutzbar werden. Aus diesen Überlegungen sind verschiedene Netzwerk-Projekte entstanden, wie das das laufende Projekt Open History Frankfurt. Das stadtgeschichtliche Lernmaterial für die Grundschule „Kennst du Frankfurt?“ und die Frankfurt History App werden als die umfangreichsten Angebote und Materialsammlungen darin integriert – wobei in der App nicht alle Inhalte offen lizenziert werden können. 

Jüdisches Museum:

Die Materialien wurden im Rahmen des Projekts METAhub entwickelt. In diesem Rahmen sollten breit nutzbare und einfach zugängliche Bildungsmaterialien entwickelt werden, genau das, was OER bieten.

Welche Schritte gehören zu Ihrem Entstehungsprozess der OER-Materialien (von der ersten Idee bis zum fertigen Angebot für Lehrkräfte und Lernende) und wer wird eingebunden?

 

Historisches Museum:

Am Anfang ist es wichtig auf Leitungsebene und im Arbeitsteam alle mitzunehmen und gemeinsam zu klären, wie die Inhalte zugänglich gemacht werden können. Es ist sehr hilfreich, wenn bereits eine Open Access Strategie besteht, dann sind die Grundlagen schon geklärt. Trotzdem müssen ethische und rechtliche Fragen für jedes Projekt einzeln behandelt werden.

Dann ist es wichtig, die Zielgruppen einzubeziehen und die Lernkontexte genauer kennenzulernen. Die Frage ist: wen wollen wir zu welchem Zweck mit den Materialien erreichen? Zur Untersuchung der Frage eignen sich Fokusgruppen oder ein diverses Projektteam, das die verschiedenen Nutzer*innen-Perspektiven abbildet. Auf dieser Basis können Qualitätskriterien für das pädagogisch-didaktische Framing entwickelt werden.Auch das Format und die Veröffentlichungsorte sollten aus den Medienpraktiken der Nutzer*innen abgeleitet werden.

Die Inhaltsproduktion verbindet dann die Recherche, Rechteklärung, didaktische Redaktion und Feedback der Fokusgruppen. Dazu ein Beispiel aus unserem aktuellen Arbeitsprozess: Nach einer breiten Fokusgruppen-Recherche haben wir mit einer externen OER-Expertin überprüft, wie Inhalte aus dem Historischen Museum Frankfurt zu verschiedenen Bildungsprozessen beitragen könnten. Das Ergebnis ist sehr breit gefächert und reicht vom (naheliegenden) historischen Lernen und Geschichte als Schulfach, über politische und transformative Bildung bis hin zum Thema Empowerment, Verstehen von politischen Prozessen und gesellschaftlichen Veränderungen sowie dem Weiterdenken von sozialen Fragen in historischem Kontext. Konkret entwickeln wir jetzt auf dieser Basis transformative Lernreisen, also Kontextualisierung mit vertiefenden fragend-forschenden Aufgabenstellungen als Anregung. Dafür nutzen wir bestehendes Vermittlungsmaterial.

Für die Veröffentlichung ist es wichtig, die Anforderungen der verschiedenen Repositorien und anderen Distributionsweisen zu klären. Welche Metadaten braucht es? Welche Dateiformate wollen wir anbieten?

Jüdisches Museum:
  1. Themenfeld abstecken: Erarbeitung möglicher Themen und Schwerpunkte
  2. Bedarfsanalyse: Welche Themen, Fragestellungen, Formate sind für Schulen sinnvoll? (Gespräche mit Lehrkräften, Blick in die Curricula)
  3. Konzeption: Zielgruppenbestimmung, Festlegung der Lernziele, Wahl der passenden Formate
  4. Erstellung: Schreiben von Texten, geeignete Bilder finden, Erstellen von Grafiken, Programmieren von Anwendungen
  5. Rechtliche Nutzbarkeit abklären (z.B. Bildrechte), Lizenzierung
  6. Qualitätssicherung: Fachwissenschaftlier und Lehrkräfte prüfen die Entwürfe, Erprobung in Schulklassen, auf Barrierefreiheit prüfen
  7. Feedback einarbeiten
  8. Layout
  9. Veröffentlichung und Verlinkung
  10. Bewerbung

 

Nutzen Sie OER auch bei Museumsführungen?

 

Historisches Museum:

Wir probieren erste Rundgänge mit der Frankfurt History App im Sommer 2026 aus. Perspektivisch ist geplant das Angebot Open History Frankfurt auch in Lernräumen im Museum zugänglich zu machen.

Jüdisches Museum:

Nein, aktuell nicht.

Welche Rückmeldungen haben Sie aus Schulen, außerschulischen Bildungseinrichtungen oder aus der Bildungspolitik zu Ihrem OER-Angebot erhalten?

 

Historisches Museum:

Das Lernmaterial für die Grundschule gibt es in unterschiedlichen Versionen für Schüler*innen und für Lehrkräfte, sowohl als Downloadmaterial als auch Printversion. Die Rückmeldungen sind positiv und kritisch-konstruktiv. Das Printmaterial wurde inzwischen an mehr als 7.000 Frankfurter Kinder verteilt, die Downloadversion wird immer aktualisiert.

Jüdisches Museum:

Wir haben die Materialien in verschiedenen Schulformen (IGS, Realschule, Gymnasium) getestet und nur die veröffentlicht, die gute Rückmeldungen erhalten haben.

Gab es bei der Umsetzung von OER im Museum auch Herausforderungen – und wie sind Sie damit umgegangen?

 

Historisches Museum:

Es gibt viele Herausforderungen: z.B. Lehrer*innen sind vielfältig belastet und haben kaum Zeit für den Austausch in Fokusgruppen oder Informationsveranstaltungen zu den entwickelten OERs; die Veränderung der Recherche- und Wissenspraktiken durch KI-Assistenten verringern die Zugriffe und Nutzung auf geprüfte Web-Angebote von Museen.

Jüdisches Museum:

Wir haben die Rechteklärung unterschätzt. Der tatsächliche Zeitaufwand war sehr viel höher. Der Arbeitsaufwand wird reduziert, wenn die Materialien von Personen erstellt werden, die mit der Arbeit in der Schule vertraut sind. Diesen Faktor hatten wir zu Beginn des Projekts zu wenig bedacht, so benötigte die Kollaboration mit Lehrkräften mehr Zeit. 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft: Welche weiteren OER-Formate oder Themen wollen Sie gern entwickeln?

 

Historisches Museum:

Wir arbeiten mit Open History Frankfurt an einer zentralen, epochenübergreifenden Plattform für das Frankfurter Geschichtswissen.

Jüdisches Museum:

Materialien zur Vor-und Nachbereitung eines Museumsbesuchs für Schulklassen verschiedener Klassenstufen und Schulformen.

Wenn Sie OER im Museum mit einem Museumsexponat vergleichen müssten – welches wäre es und warum? (Ein bisschen Humor darf sein!)

 

Historisches Museum:

Das Frankfurt Modell (ein künstlerisches Stadtmodell aus vielen Fundstücken, steht in der Dauerausstellung „Frankfurt Jetzt!“)! Wie bei OERs wurden viele Materialen umgenutzt und wiederverwendet, beispielsweise Rasierbürsten und Fernbedienungen. Das Modell wurde von einem großen Team kollaborativ gebaut – auch für die Entwicklung von OERs braucht es Teamplayer und die gemeinsame Vision. Und es gibt Rabbit Holes, die den langwierigen Prozessen von Rechteklärung bei OERs gleichen.

Jüdisches Museum:

Ein Film in der Ausstellung. Denn bei der Erstellung eines Films für die Ausstellung gibt es analoge Arbeitsschritte wie bei der Erstellung von OER. 

Creative Commons LizenzvertragDieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Susanne Gesser und Franziska Mucha, Historisches Museum Frankfurt; Christine Kolbe, KlugeKonzepte; und Ana Karaminova, Jüdisches Museum für OERinfo – Die Informationsstelle OER

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