Das Fortbildungsmodul „Lesen im Zeitalter der Digitalität“ wurde von einem Team der Goethe-Universität Frankfurt entwickelt und ist einer der Preisträger des OER‑Preis 2025. Es beinhaltet Arbeitsblätter, exemplarische Stundenverlaufspläne sowie H5P-Inhalte, die den Umgang mit digitalen Texten und die damit zusammenhängende Lesekompetenz schulen sollen. Im Interview geben die Projektbeteiligten Einblicke in ihre didaktischen Überlegungen, die Entstehung des Moduls und seine Bedeutung für die zukünftige Lesedidaktik.

Ein Beitrag von Moritz Jörgens, Anastasia Keppler, Johannes Mayer, Sascha Schirrmacher
Erklärt uns kurz und knackig, wer Ihr seid, worum es in Eurem Projekt geht und für wen Euer Material besonders geeignet ist.
Wir sind ein Team aus dem Projekt DigiNICs und stellen unser Fortbildungsmodul „Lesen im Zeitalter der Digitalität“ vor. Konzipiert ist es primär für Lehrkräfte, aber es eignet sich genauso für angehende Lehrkräfte und grundsätzlich für alle, die sich fundiert damit beschäftigen wollen, was „digitales Lesen“ eigentlich heißt – und was das für Schule und Unterricht konkret bedeutet. In DigiNICs geht es um digitale Souveränität in den sprachlichen Fächern. Für uns als Deutschdidaktiker*innen war schnell klar: Wir wollen diese Perspektive auf das Lesen zuspitzen – also auf einen Bereich, der in der schulischen Bildung von großer Bedeutung und gleichzeitig durch digitale Umgebungen stark in Bewegung ist.
Wie seid Ihr zur Idee eures Projektes gekommen und warum OER?
Die Idee ist aus zwei Richtungen entstanden. Das war zum einen der Projektrahmen „digitale Souveränität“ und zum anderen unser eigenes fachliches Interesse daran, wie sich Lesen verändert, wenn Texte heute in digitalen Umgebungen auftreten. Dazu kam, dass es bereits Vorarbeiten gab: Im Projekt DigiTeLL wurde das Thema „digitales Lesen“ schon einmal für Studierende aufbereitet. Wir haben diesen Fokus bewusst beibehalten, weil er breit relevant ist und viele Lehrkräfte unmittelbar betrifft. Wir haben dann vor allen nochmal über die Form und die Verbindung zum Thema digitale Souveränität nachgedacht. Und OER war für uns dann die logische Konsequenz: Wenn das Material wirklich in die Breite wirken soll, muss es frei zugänglich sein. Wir freuen uns über jede Person, die dadurch einen niedrigschwelligen Zugang bekommt und mit dem Thema arbeitet – im Unterricht, im Studium oder in der Fortbildung.
Welche Herausforderung – z. B. Lizenzierung, Didaktik, Technik – habt Ihr bewältigt und wie?
OER bringt natürlich Herausforderungen mit sich: Rechte klären, Materialien sauber lizenzieren, entscheiden, welche Medien man nutzt (Bilder, Beispiele usw.) und wie man Dinge zugänglich macht, wenn sie nicht vollständig selbst erstellt sind. Dabei hatten wir gute Unterstützung aus dem Projekt und haben nebenbei viel gelernt, was wir künftig sowieso brauchen.
Die größten Herausforderungen lagen aber woanders: im Zusammenspiel von Didaktik und Technik sowie in der Übersetzung einer wissenschaftlich fundierten Grundlage in ein Selbstlernformat. „Lesen im Zeitalter der Digitalität“ klingt erstmal so, als könnten alle ungefähr etwas damit verbinden. Unser Anspruch war aber: Das Modul soll nicht bei allgemeinen Eindrücken oder „Tipps und Tricks“ stehen bleiben, sondern wissenschaftlich basiert sein. Gleichzeitig soll es aber in kurzen, gut bearbeitbaren Einheiten funktionieren und motivierend bleiben. Das war für uns die zentrale Herausforderung. Dafür haben wir sehr viel Zeit in Struktur, Dramaturgie und Darstellung investiert. Wir hatten mehrere Versionen, viele Überarbeitungsschleifen. Genau das war aber am Ende produktiv. Im Team gab es unterschiedliche Perspektiven und Stärken, und wir haben daraus eine Form entwickelt, die nach unserer Ansicht Wissenschaftlichkeit und Zugänglichkeit gut zusammenbringt.
Was war der zündende Moment, als Ihr entschieden habt: „Okay, genau dieses Projekt reichen wir für den OER-Preis 2025 ein!“?
Als wir die Ausschreibung gesehen haben, war ziemlich schnell der Gedanke da: Das passt. Wir hatten gerade kein anderes Projekt, das ähnlich „einreichungsreif“ war. Hierbei gab es die Chance, die Reichweite deutlich zu erhöhen. Ganz ehrlich: Ein Teil war auch Neugier. Wir wollten sehen, ob das, was wir als sinnvoll und stimmig erarbeitet haben, auch für die tatsächlichen Nutzer:innen so funktioniert. Die Einreichung war damit auch ein Impuls, noch stärker sichtbar zu werden und idealerweise auch Rückmeldungen zu bekommen.
Welchen konkreten Tipp würdet Ihr Projekten geben, die sich für einen nächsten OER-Preis bewerben möchten – was sollte man unbedingt beachten?
Wir würden da, ehrlich gesagt, keine großen „Geheimtipps“ behaupten. Wir würden uns selbst nicht als OER-Profis sehen, sondern eher als Team, das sich in das Feld konsequent eingearbeitet hat. Wenn wir trotzdem ein paar Punkte nennen sollen, die bei uns wirklich wichtig waren, dann diese:
- Macht das Projekt zu eurem Thema: Etwas, das euch wirklich interessiert, trägt durch die langen Überarbeitungsphasen.
- Mehrere Leute, die Sach- und/oder technische Kenntnis haben und/oder kreativ sind kombinieren und die bereit sind, sich mit dem Thema produktiv – und das heißt dann auch manchmal etwas schmerzhaft – auseinanderzusetzen, z.B. wenn es darum geht, Lieblinge doch nicht aufzunehmen oder die Struktur zu verändern.
- In diesem Sinne: Plant Überarbeitungsschleifen ein. Gerade bei Selbstlernkursen entsteht Qualität nicht im ersten Durchlauf.
- Und sehr praktisch: Backups. Wirklich. Wir haben gelernt, wie schnell sonst Dinge verschwinden können.
Und zum Abschluss: Wenn Ihr in zwei Jahren zurückblickt – was seht Ihr dann auf eurem OER-Erfolgskonto?
In zwei Jahren wäre unser bestes „Erfolgskonto“ ganz schlicht: dass das Modul genutzt wird. Wir würden uns sehr freuen, wenn Lehrkräfte damit arbeiten, wenn es in Fortbildungen auftaucht, wenn angehende Lehrkräfte es als Einstieg oder Vertiefung verwenden. Und vor allem, wenn jemand sagt: „Ich habe das angepasst und für meinen Kontext weiterentwickelt.“ Wenn das passiert, dann hat OER für uns genau den Zweck erfüllt, den wir uns erhofft haben.
Dieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: Moritz Jörgens, Anastasia Keppler, Johannes Mayer, Sascha Schirrmacher, Goethe-Universität Frankfurt, für OERinfo – Die Informationsstelle OER