Lernen mit Open Educational Resources: Unis verlassen den Elfenbeinturm

OER stehen für eine Modernisierung im Bildungswesen. Sie sind im Vergleich zu nicht-freien Materialien flexibler nutzbar und für eine breitere Zielgruppe attraktiv. Für Hochschulen und Universitäten bedeutet dies einen Schritt in Richtung einer schon seit Jahrzehnten währenden Forderung: Raus aus dem Elfenbeinturm!
Weblinks zum Artikel

Ihr Ansprechpartner für den Bereich Hochschule:
Daniel Otto, Learning Lab, Universität Duisburg-Essen daniel.otto[at]uni-due.de Foto: privat

Konstitutiv sind dabei die offenen Lizenzen – das Urheberrecht ermöglicht zwar die Verwendung und das Teilen von Materialien innerhalb geschlossener Studiengruppen (bspw. im Rahmen eines auf einen definierten Personenkreis beschränkten Moodle-Kurses), verbietet aber das Verfügbarmachen über ebendiese Kreise hinaus. Konsequenz: für nicht-Immatrikulierte ist es schwierig, einen Einblick in die Lehrtätigkeiten eines Studienganges zu erhalten, obwohl die technischen Möglichkeiten längst vorhanden sind, eine objektive Studienwahl wird damit erschwert.

Praxisbeispiel für OER-Lernangebote

Ein sehr plastisches Beispiel, wie OER für das Lernen genutzt werden können, gibt es am Karlsruher Institut für Technologie (KIT)  : Das geophysikalische Institut setzt derzeit mit dem Zentrum für Mediales Lernen (ZML) das Projekt iBridge um. Im Rahmen von iBridge wird ein interaktiver Brückenkurs für neue Studierende erstellt, der als Vorbereitung für einen erfolgreichen Eintritt ins Masterstudium genutzt wird. Grundlage dieses Kurses sind Lehrvideos, die jeweils etwa 10 Minuten lang sind und ein spezielles Thema der Geophysik behandeln. Im Mittelpunkt steht dabei KIT-Geophysiker Dr. Andreas Barth, der sowohl der Projektverantwortliche als auch das Gesicht der Videoreihe ist und die Inhalte erklärt. Unterstützt werden seine Ausführungen dabei von diversen Animationen und Grafiken, die teilweise live vor den Zuschauern entwickelt werden. Eine große Zahl der Videos ist öffentlich über YouTube und zusammen mit weiteren Lehrmaterialien über das Zentrale OER-Repositorium (ZOERR) des Landes Baden-Württemberg verfügbar.

Screenshot der Lehrmaterialsammlung Geophysik im ZOERR
Sammlung Geophysik im ZOERR; Quelle: ZOERR (www.oerbw.de) basierend auf edu-sharing Software (metaVentis GmbH)

Die primäre Zielgruppe von iBridge sind neu immatrikulierte Studierende des Masterstudiengangs Geophysik. Ihnen soll ermöglicht werden, fachlich gut vorbereitet in die Lehrveranstaltungen zu starten. Dazu muss man wissen, dass die Studierenden nicht nur aus dem Bachelorstudiengang des Instituts kommen, sondern auch fach- und hochschulfremde BewerberInnen für das Studium zugelassen werden. iBridge dient also, wie der Name schon sagt, als Brückenkurs in das Masterstudium, um etwaige Unterschiede im Vorwissen der Studierenden auszugleichen. Der eigentliche Brückenkurs wird auf der Ilias-Plattform des KIT zur Verfügung gestellt und beinhaltet noch weitere Features wie Kontrollfragen und Zusatzmaterialien und wird durch ein moderiertes Forum ergänzt.

Für die Studierenden besteht eine Empfehlung, den Kurs zu Beginn des Studiums zu belegen, jedoch keine Verpflichtung. Das Projekt wird vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst aus dem Strukturfonds “Kleine Fächer” unterstützt. Einen Master in Geophysik kann man nur an etwa 10 Hochschulen in Deutschland belegen. Hieraus ergibt sich ein weiteres Projektziel, nämlich den Aufbau eines digitalen Lehr- und Lernmittelpools für Studiengänge der Geophysik in Deutschland. Dafür besteht eine Kooperation des Projekts mit dem Zentralen OER-Repositorium des Landes Baden-Württemberg, auf dem die Videos – derzeit noch über einen YouTube Link – bereitgestellt werden.

OER für niederschwellige Lernangebote

Am Beispiel des iBridge-Projekts zeigt sich eine bedeutende Stärke von OER: Sie setzen die zu überwindende Schwelle, sich mit Themen auseinanderzusetzen herab. Allein für den Zweck des Brückenkurses hätte man die Lehrvideos auch ohne eine offene Lizenz produzieren und lediglich auf der Ilias-Plattform des KIT bereitstellen können. Die konsequente „OER-isierung“ ermöglicht dem geophysikalischen Institut aber nun auch eine wesentlich breitere Zielgruppe anzusprechen und auf sich und den Masterstudiengang aufmerksam zu machen. Zudem können andere Lehrstühle von den produzierten Materialien profitieren. Dieses Modell lässt sich sicher auch auf andere Institute und Studiengänge übertragen.

Das Projekt nutzt Synergien zwischen dem wissenschaftlichen Know-How des GPI und den mediendidaktischen Erfahrungen des ZML. Das Institut für sich allein hätte kaum alle mit der Produktion von qualitativ hochwertigen Lehrvideos verbundenen Aufgaben bewältigen können. Bei einem OER-Projektvorhaben empfiehlt es sich daher generell, nach passenden Mitstreitern zu suchen. Und es zeigt sich, dass die Grundidee von OER auch das Nachdenken über innovative digitalisierte Lernszenarien befördern kann. Prädestiniert sind OER dafür, die universitäre Lehre zu öffnen und nach außen sichtbar zu machen. Oder sinnbildlich: die Unilehre aus dem Elfenbeinturm herauszuholen.

Links:

Projektvorstellung iBridge: https://www.gpi.kit.edu/2424.php

Artikel über iBridge: https://publikationen.bibliothek.kit.edu/1000080488

Zentrales OER-Repositorium des Landes Baden-Württemberg: https://www.oerbw.de/

YouTube Playlist zu iBridge

Creative Commons LizenzvertragDieser Text steht unter der CC BY 4.0-Lizenz. Der Name des Urhebers soll bei einer Weiterverwendung wie folgt genannt werden: David Eckhoff, Universität Duisburg-Essen für OERinfo – Informationsstelle OER.










Passend dazu aus dem Blog